Jugend – Ein Begriff, der auf jeden und jede für eine Zeit lang zutrifft, zu dem wohl alle Assoziationen, Vorstellungen, Meinungen haben. „Faule Jugend“ ist ein immer wieder bemühter Topos, mit Blick auf die Gen Z und ihre Forderungen nach Work-Life-Balance umso mehr. Ein anderer Zugang wurde im Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen bei der Podiumsdiskussion „Rettet die Jugend. Literaturbetrieb und Fotografie“ vorgestellt.
Überhörte Jugend?
Wofür stehe Jugend, fragte eine der Moderatorinnen, Laura M. Reiling, Wissenschaftskommunkatorin im KWI. Für Aufbruch oder Gefahr? Jugend sei ein Subjekt ohne Handlungsmacht, selten eigenständig. Man rede mehr über sie als mit ihr. Eine korrekte Beschreibung, die nur insofern verwunderte, als dass auf dem Podium neben ihr mit der Co-Moderatorin und KWI-Wissenschaftsorganisatorin Anja Schürmann und den zwei Expert:innen, dem Fotografen Neven Allgeier und der Literaturwissenschaftlerin Christine Lötscher, die Jugend auch in dieser Diskussion ohne Handlungsmacht auskommen musste. Dafür wurde sie immerhin gerettet. Das kann paternalistisch anmuten – in einem eigentlich progressiven Kontext.
Die Ankündigung zur Veranstaltung stellte konkrete Fragen, insbesondere zum Unterschied der Genres New Adult und Coming of Age. In der Diskussion fanden sie sich allerdings kaum wieder. Die griffigste Unterscheidung bot Lötscher mit Blick auf einen „alten“ Bildungsroman wie J. D. Salingers 1951 erschienenem „Catcher in the Rye“ („Der Fänger im Roggen“) zu moderneren Coming-of-Age-Werken. Die Serie „Euphoria“ oder der Roman „Hard Land“ seien Beispiele für Figuren, die unbestimmt sind. „Die zwingende Verbindung von Gegensätzen macht eine Ästhetik der Unschärfe fast notwendig“, so Lötscher.
Wirklichkeit braucht Freiheit
Diese Unschärfe sei auch in den Bildern von Allgeier zu erkennen, so Anja Schürmann. Daran schloss sie die Frage an, woran dies läge. Allgeier: „Je mehr man sich mit Menschen trifft, desto uneindeutiger wird es, das Spektrum wird größer.“ Daher brauche es Bilder mit größerer Interpretationsfähigkeit.
Eine gewisse Unschärfe könnte man auch Teilen der Podiumsdiskussion attestieren, die von einem roten Faden profitiert hätte. Zum Teil lag das an verschachtelten Sätzen der Moderation, die es auch versäumte, zahlreiche der genannte Namen zu erläutern – so hatte man Pech, wenn man diese nicht kannte. Hier lief es dann eher auf ein Fachgespräch hinaus, weniger auf eine Diskussion für Interessierte. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, es passt nur nicht zur Eigenbeschreibung des KWI. Ein Ort für Interessierte sollte besonderen Wert auch darauf legen, die Interessierten mitzunehmen.
Ein interessanter Diskussionsansatz verband sich mit der Frage, ob sich in den Texten des Coming of Age eine neue Bürgerlichkeit zeige, ein Rückzug ins Private – oder ob sie im Gegenteil einen politischen Anspruch formulierten. Lötscher: „Das würde ich nicht sagen, dass sie etwas Politisches wollen, sie sind eher interessiert am Existentiellen. Jugendliche Figuren als Protagonist:innen laden zu philosophischem Denken ein, die haben Muße, können sich mit dem Eigentlichem beschäftigen.“ Es gebe jedoch Ausnahmen, so spiele bei Sally Rooney Klasse und soziale Ungleichheit eine große Rolle.
Freiheit und Konsum
Zudem sei die Aneignung emanzipatorisch. „Kathinka Engel [deutsche Bestseller-Autorin, die zum New Adult gezählt wird; d. Red.] bestimmt, wer der Traummann ist.“ Und nicht Gustave Flaubert, wer die Traumfrau sei, wie in „Madame Bovary“. Die Frage, ob im Genre New Adult ein Backlash vorherrsche, da es letztlich um die heterosexuelle Romanze gehe, bejahte Lötscher, doch es sei nicht durchweg so: Es gebe auch Werke, in denen die stereotypen Geschlechterverhältnisse unterlaufen würden.
Aus dem Publikum kam die Frage, ob diese Bücher Lifestyleprodukte geworden seien, weniger für Leselust stünden als für Kauflust, für Konformität statt Emanzipation. Da sei etwas dran, so Lötscher, jedoch habe das die Mainstream-Popkultur immer schon ausgemacht. „Es gibt einfach beide Aspekte.“
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