Es beginnt mit fröhlichem Geplantsche und Instagram-Romantik: Othello (Felix Lampert) und Desdemona (Aischa-Lina Löbbert) halten die Füße ins Wasser, sie zieht sich ihr Haar wie einen Schnurrbart über den Mund, beide tollen grinsend und kichernd herum – Verliebtheit so süß, wie 20 Liter Zuckersirup. Gäbe es da nicht einen bitteren Beigeschmack: Kaum wahrnehmbar, in der hintersten Ecke des Rottstr5-Theaters kauert ein Häufchen Elend, krummgebückt, das Gesicht zur Wand und schweigend (Tim-Fabian Hoffmann). Ist es Cassio, Günstling und Best-Buddy von Othello sowie Opfer der Intrigen des falschen Freundes Jago (Dirk Hermann)? Oder nur ein Spiegel all der Schlechtigkeit, die sich zunächst kaum erkennbar unter dem Zuckerguss verbirgt? Vielleicht kommt ja auch beides aufs Gleiche raus.
Konstanze Kappensteins „Othello“-Inszenierung holt den Shakespeare-Klassiker aus der spätmittelalterlichen Republik Venedig in die Jetzt-Zeit: Othello ist hier weniger Feldherr als der coolste Typ der Clique und Desdemona keine Adelstochter, sondern lebenslustige Hipsterette mit Tendenz zu unbeabsichtigten Herzbrüchen im Freundeskreis. Othellos Hautfarbe, der Konflikt mit Desdemonas Vater – das spielt hier keine Rolle. Kappenstein erzählt ein Cliquen-Drama über zerbrochene Freundschaften, Eifersucht und Intrigen – und über die Frage, warum die Frau jetzt die Hure ist, wenn Männer ihre Fantasien nicht unter Kontrolle haben. Im Grundsatz zeitlos, gleichzeitig so alltagsnah wie eine Soap. Das spiegelt sich auch im Spiel: Geschickt wechseln die Schauspieler zwischen Shakespeare’schem Blankvers und bolleriger Umgangssprache.
„Othello, verdammte Hacke!“
Und niemandem auf dieser Bühne gelingt das so gut wie Aischa-Lina Löbbert: im rhythmisch wohlklingenden Wortlaut des Originals redet sie auf Othello ein, dann platzt es aus ihr raus: „Othello, verdammt Hacke!“ und mit einem Knall ist jede Distanz überwunden. Desdemona steht direkt vor einem, man möchte ihr einen Drink ausgeben. Überhaupt gelingt es Löbbert die Gattin Othellos, und eigentliche Hauptfigur der Inszenierung, bravourös in all ihren Facetten darzustellen: als verspielte Verführerin, als personifizierte Coolness beim Sonnenbad und nicht zuletzt auch als zerstörtes Elend: Jagos Intrigen lassen nichts an der ehemals so starken Frau, sie besteht nur noch aus einer Frage: Warum bin ich eine Hure? Aber was bedeutet schon „Hure“, außer, dass es ein nützlicher Kampfbegriff ist.
Zucker und Galle
Mit der zerstörten Desdemona hätte das Stück auch enden können, Schaukämpfe im Stroboskoplicht hat niemand mehr gebraucht. Allein deshalb, weil Lampert den erst liebenswert dösigen, und dann gefährlich verwirrten Othello bestens in Szene setzt. Doch das trübt nicht das inzwischen blutige Wässerchen, in dem die Schauspieler waten: Das Spiel mit Jambus und Jargon, der Kontrast von zuckersüßer Liebe und bitterer Galle – all das überwiegt, und macht Kappensteins „Othello“ zu einer sehenswerten, ausgefallenen und zeitgeistigen Inszenierung eines zeitlosen Stoffes.
Das nächste Mal ist das Stück in der Rottstraße am 18. Februar zu sehen.
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