Politische Lyrik ist ernst und trocken – so lautet ein weitverbreitetes Vorurteil. Dass es auch anders geht, haben die Poetry-Slammer im FZW gezeigt. Neben Politik gab es Gefühl, Wortspiele und eindrucksvolle Darbietungen.
Der Berliner Noah Klaus stellte sich als erster dem Publikum. Sein Text „Der europäische Frühling“ erklärte den Krieg in Syrien, indem er ihn auf Europa projizierte und Menschen aus Deutschland nach Syrien fliehen ließ. Dabei waren sie den gleichen rassistischen Vorurteilen ausgesetzt, wie die Geflüchteten, die nach Deutschland kommen. Doch: „Und dann regnete es Vernunft“, las Noah Klaus und so gab es doch noch ein glückliches Ende. Später am Abend stellte er ein Stück vor, das sich mit der Philosophie des „sich Gönnens“ auseinandersetzt. Geschrieben wie ein wissenschaftlicher Aufsatz – sprachlich genau so trocken und sachlich – stellte Noah Klaus die Unterschiede zwischen „sich gönnen“, „chillen“ und „wegeskalieren“ dar. Spätestens bei der Erklärung einer vermeintlichen Philosophie hinter den Begriffen, die in Formulierungen wie „Ich gönne mir, also bin ich“ und „Gönn dir selbst nach der Maxime, dass du selbst die maximale Niceness erreichst“ hatte Noah Klaus das Publikum auf seiner Seite. Er ging als Sieger des Abends hervor.
Mit ihm im Finale standen der Münsteraner Jens Kotalla und der Berliner Wolf Hogekamp. Kotalla überzeugte, indem er das Publikum in seine Stücke miteinbezog und immer wieder zu Wortspielen animierte. Im ersten Stück sprach er ein Loblied auf Mayonnaise, erklärte, dass er „von den Super-Mayo-Brothers“ sei und den höchsten Rang „Major“ trage. Damit sorgte er für viele Lacher beim Publikum. Doch dann schwenke er gekonnt um: „Ich möchte, dass ihr nachdenkt. In meiner Parallelklasse gab es einen Neonazi, der immer ein T-Shirt mit der Aufschrift „Currywurst statt Döner“ trug. Ich möchte, dass Ihr nur einmal recherchiert, wo das Curry auf Eurer Wurst herkommt.“ Ähnlich politisch war auch sein zweiter Text, der den Titel „Ecce Homo“ trug. Dazu ließ er das Publikum das Verb „würde“ konjugieren. Anschließend beschrieb er den stressigen Lebensalltag, in dem Menschen sich abarbeiten müssen, um Rechnungen zu zahlen, obwohl sie gerne gegen Kinderarbeit demonstrieren würden. „Und wir konjugieren mit Würde“, stellte er betroffen fest.
Wolf Hogekamp, der seit 1994 in der Poetry Slam-Szene unterwegs ist, trug ein Stück vor, das aus verschiedenen Ausschnitten der Alltagswelt bestand. Zitate wie aus Gesprächen und Facebook-Kommentaren, rassistische Aussagen über Geflüchtete und die Politik oder Lobpreisungen auf süße Katzenbilder. Hogekamps Vortrag zeichnete sich durch seine Gegenüberstellungen und die Schnelligkeit aus. Im Finale brachte er ein Stück über einen leeren Kopf und das Ausgehen in Berlin.
Neben den drei Finalisten gab es drei weitere Slammer, die ihre Stücke dem Publikum präsentierten. Andy Strauss aus Münster erklärte: „Ich bin freischaffender Künstler. Zum Jahresanfang haben wir immer wenig Termine. Da frage ich mich, wie man überleben soll. Deshalb habe ich ein Mantra zum Überleben geschrieben.“ Laut, schnell und mit harten Worten beschrieb er das, was er zum Leben braucht: Pizza und Weed. Am Ende kam er zu dem versöhnlichen Schluss: „Am Anfang eines Jahres ist bald schon die Mitte des Jahres“ und damit auch wieder Geld da.
Aus Dortmund betrat Björn Rosenbaum die Bühne. Er stellte seine Erfahrungen mit jungen Eltern vor, gekonnt nutze er dabei Lautsprache, etwa wann er beschrieb, wie Babys geboren werden als ob sie aus einer Tennisballanlage kämen – „plopp, plopp, plopp“. Doch am Ende ist er auch er versöhnlich, als er alleine Zeit mit einem neuen Erdenbewohner verbringt.
Als einzige Frau präsentierte Lisa Schöyen ihren Text, der eine lyrische Inventur darstellte. Er beschrieb, wie sie Abschied von einem geliebten Menschen nimmt. Mit vielen Sinnbildern, wie „meine Zeiger rücken weiter“, entfernt sie sich immer stärker von der anderen Person.
Begleitet wurde der Abend von dem Slam-Duo Grossraumdichten aus Stuttgart und Würzburg, das gerade durch Deutschland tourt. Zu Elektrobeats sprachen sie lyrisch anspruchsvolle Texte darüber, dass alles „viel zu schnell geht“ und darüber, wie es ist, in einer dunklen Nacht auf etwas zu warten. Auch eine augenzwinkernde Kapitalismuskritik hatten sie mitgebracht.
Moderiert wurde der Wettbewerb von Jason Bartsch und Jan-Philipp Zymny, die beide selbst aktive Slammer sind. Mit flotten Sprüchen und viel Witz begleiteten sie die zahlreichen Gäste durch die Veranstaltung. Leider kam ihre Moderation nicht ganz ohne platte Sprüche und Altherrenhumor aus.
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