Die Bühne des Prinzregenttheaters in Bochum ist dunkel, als das Publikum eingelassen wird. Während der folgenden Stunde wird sie es bleiben. Die Schauspielerin Anne Hoffmann macht sich selbst sichtbar, indem sie eine Schreibtischlampe oder eine Stehlampe einschaltet, eine Taschenlampe auf sich richtet oder jemanden im Publikum bittet dies zu tun. Insgesamt dreizehn unterschiedliche Glühbirnen helfen ihr dabei, Licht in komplizierte Zusammenhänge zu bringen: Die Roten Khmer in Kambodscha und die „westliche Linke". Pol Pot und Henry Kissinger. Eine schwedische Reisegruppe und der „kommunistische Bund Westdeutschland“ (KBW).
Doch der Reihe nach: Als Grundlage für die Theater-Recherche diente Anne Hoffmann und Ruth Messing (Regie) das 2003 erschienene Buch „Pol Pots Lächeln“ von Peter Fröberg Idling, ein Buch über die Filterblase der „westlichen Linken“ in den 1970er Jahren: Eine vierköpfige schwedische Reisegruppe besuchte zur Zeit des Schreckensregimes der Roten Khmer Kambodscha und schrieb im Anschluss einen Bericht, der von einem angenehmen und zufriedenen Land erzählte. Dieser Text trug maßgeblich dazu bei, dass die Roten Khmer im Westen zu einem gefeierten Symbol gegen den amerikanischen Bombenkrieg wurden. Heute ist diese berüchtigte Gruppierung um ihren „Bruder Nr.1“ zu Recht ein Inbegriff für Terror und Folter. Wie konnten sich die vier SchwedInnen so täuschen lassen und ihren Irrtum ungefiltert weitergeben? Hoffmann erzählt und spielt im Wechsel, wie sich überzeugte MaoistInnen in Deutschland – mit den besten Absichten – auf diesen Reisebericht beriefen und Artikel, die das beschrieben, was wir heute aus den Geschichtsbüchern kennen, als imperialistische Hetze verurteilen.
Der Abend ist aber auch die Geschichte der eigenen Reise in das Kambodscha der Gegenwart. Zu Beginn des Abends ruft Hoffman das naive Interesse für das Land als ein Reiseziel der Träume auf: mit weißem Strand und türkisem Meer. Die erschrockene Frage der eigenen Mutter, „wie denn da zur Zeit überhaupt die Lage“ sei, wird von ihr nur mit einem Achselzucken beantwortet. Doch vor Ort fallen Widersprüche auf, die sich nicht so einfach wegwischen lassen. Gewiss, das Meer ist tatsächlich postkartenblau. Aber die Hauptstadt Phnom Phen ist ein von Baulärm erfüllter Moloch, das sich nicht in die Urlaubsstimmung einfügen will. Einerseits werden im Eiltempo Hochhäuser hochgezogen, andererseits werden Arbeitstiere durch den Straßenverkehr getrieben. LKWs versus von Menschen gezogenen Karren. Eine Stadt zwischen den Welten: Die Idee entsteht, sich eingehend mit Kambodscha und seiner Geschichte zu beschäftigen.
Hoffmann spielt sich selbst, die Mutter, den Vater, die schwedische Reisegruppe und eine kambodschanische Bäuerin mit großer Wachheit für das Publikum, beleuchtet die verschiedensten Standpunkte. Die Schauspielerin und ihre Regisseurin bedienen sich nicht nur der Aufzeichnungen von Fröberg Idling, sondern machen sich auch im eigenen Bekanntenkreis auf die Suche. Schließlich war einer der Väter der beiden Theatermacherinnen Mitglied im „KBW“ und hat damals wie so viele dem linken Reflex, alles zu feiern, was nach sozialistischer Revolution riecht, nachgegeben.
Die Betroffenheit wirkt authentisch, wird aber zu keinem Zeitpunkt unangebracht rührselig. Das Mittel der vielen kleinen Lampen unterstützt die Aussage: Einen echten Überblick über das Thema zu bekommen, ist unmöglich. Keine letzte Wahrheit. Zu mächtig war und ist die Filterblase, egal ob analog oder digital. Als Entschuldigung gilt dies aber nicht. Der Abend endet mit der Frage: „Hättet ihr damals mehr wissen können?“ Antwort: „Wenn wir gewollt hätten.“
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