„Häuptling Abendwind“
Foto: Birgit Hupfeld

Punk-Kannibalen im Getränkemarkt

26. Februar 2015

„Häuptling Abendwind“ in Dortmund – Theater Ruhr 03/15

Wenn Wölfi von den Kassierern im blutbeschmierten Metzgeroutfit mit nacktem Hintern über die Bühne des Dortmunder Theaters schlurft, dann sind zwei Dinge sonnenklar: Punk ist nicht tot und das Theater erhält mal wieder eine Verjüngungs-Infusion. Die Silberhaarfraktion blieb dem Spektakel um Johann Nestroys „Häuptling Abendwind“ geflissentlich fern, zur Not wurden aber Ohrstöpsel gereicht und im Hintergrund werden wohl Herztropfen parat gehalten. Das gräuliche Festmahl, nix für Veganer, aber mit passendem Kassierer-Song „Geh mir weg mit deiner veganen Pampe“, inszenierte Andreas Beck als Punk-Operette, nun ja, eigentlich war es ein Konzertabend mit Rahmenhandlung und ausreichend Bier trinkenden Fans im Publikum.

Ein großartiger Uwe Rohbeck (Jörg Buttgereits Dauermonster in Dortmund) als Häuptling Abendwind, dem der ebenso mächtig gut aufgelegte Uwe Schmieder als Häuptling Biberhahn locker das alkoholisierte „Wasser“ reichen kann, und eine furios auftrumpfende Julia Schubert als Atala powern sich durch die menschenfeindliche Groteske, in der sich intelligente „Wilde“ vor der Entdeckung von Kapitalisten fürchten und dennoch am Lauf der Dinge nichts mehr ändern können: Entdeckt ist entdeckt. Das Leben wird schwieriger, wenn der erste Star-Friseur das Eiland geentert hat. Da hilft es auch nicht, dass Abendwinds Tochter Atala zu Beginn das alte Kofferradio zerhackt und dem Orakel ein derbes „Fick dich“ entgegenbrüllt. Diese lauschige Insel aus Bierkästen („Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“), wo „Arbeit scheiße ist“ und am Ende alle blank ziehen müssen, selbst die „Passlosen“ (Migranten), wird nur für die erste Reihe im Publikum zur Qual, wenn Fleischreste (Spaghetti mit Tomatensoße) fliegen, Bierflaschen zischen oder nackte Hintern peinlich genau zu bestaunen sind mit anschließender Attacke („Hast du mir etwa auf die Muschi geschaut?“).

Zu aller Freude taucht auch noch Jack Arnolds „Ding aus dem Sumpf“ auf, bis alle „müde und satt“ sich in die Arme fallen. Die Kassierer geben eine Zugabe: „Ich wär so gerne Menschenfresser“, ich werd‘ mich mal lieber um ein Bier kümmern.

Lesen Sie hier das Interview mit Regisseur Andreas Beck.

„Häuptling Abendwind und Die Kassierer“ | R: Andreas Beck | Fr 6.3. 19.30 Uhr, So 29.3. 18 Uhr | Theater Dortmund | 0231 502 72 22

PETER ORTMANN

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