Am Ende, als der Liebhaber vergiftet und die Zofen erschossen sind, ist sie wieder allein. Marquise de Merteuil schaukelt in der riesigen Trauerweide über den Leichen am Boden, so als ob nichts passiert wäre. Selten war das Schwarz der Hinterbühne so erbarmungslos leer wie in diesen letzten Takten von „Quartett“ an der Oper Dortmund. Am linken Bühnenrand leuchtet ein Zitat von Bert Brecht: „Es wird keinen Sieger mehr geben, sondern nur mehr Besiegte.“
Die Handlung beruht auf einem Theaterstück von Heiner Müller, das sich wiederum auf den „Les Liasions dangereuses“ von Pierre-Ambroise-Franҫois de Laclos bezieht, nur wenige Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution veröffentlicht. Ein früheres Liebespaar, Marquise de Merteuil und Vicomte de Valmont, will sich mit ständigen Rollen- und Geschlechterwechseln die Langeweile vertreiben. Nachdem Merteuil sich anfangs in zynischen Erinnerungen an die längst verblasste Leidenschaft auf dem taubengrauen Samtsofa räkelt, berichtet ihr Valmont von dem neuesten Objekt seiner Begierde, der frommen Madame de Tourvel, die erst kürzlich den Präsidenten geheiratet habe. Aber Merteuil schlägt ihm eine noch bessere Beute vor, nämlich ihre Nichte Volange, die jungfräulich im Kloster lebt.
Wo bei Laclos noch mehrere Personen auftreten, verdichtet Müller die Handlung auf Merteuil und Valmont, die nun mehrmals in die verschiedenen Rollen der Paare schlüpfen und die jeweilige Verführung ihrer Opfer durchspielen. Valmont wird mit schwarzem Chiffonrock und Fächer (Kostüm: Inge Medert) zur Tourvel, während Merteuil sich durch eine Melone auf dem Kopf in Valmont verwandelt. Nachdem Valmont die fromme Frau provoziert, erniedrigt und bezwungen hat, verwandeln sich beide für einen kurzen Moment wieder in ihre echten Charaktere zurück und reflektieren ihr perfides Spiel. Diese Gelenkstücke grenzen die einzelnen Rollenwechsel voneinander ab und schaffen Distanz. Komponist Luca Francesconi verstärkt diese Entfremdung, indem er mit Hilfe eines Raumklangsystems einen akustischen Hall auf die Stimmen legt. Während dieser kurzen Ernüchterungsmomente wird klar, dass die Figuren selbst um ihre Zerstörung wissen und ihr Ende vorausahnen: „Das Leben wird schneller, wenn das Sterben ein Schauspiel ist.“
Trotzdem machen sie weiter, wie auf Droge, getrieben von der Suche nach Sinn. Merteuil wird zu ihrer Nichte Volange, die sich nicht gegen den dominanten Valmont wehren kann und erst von ihm vergewaltigt, dann getötet wird, damit ihr Körper nicht verwelkt. Die Beziehungen sind durchtränkt vom Kampf nach Macht und Kontrolle, der sich in Sex, sexualisierter Gewalt und Selbstzerstörung äußert. Die Körper sind nurmehr bloße Hüllen, Gefühle und Werte schon lange dem Nihilismus gewichen. Die Zofen gucken das ganze Stück hindurch betont gelangweilt, egal ob sie gerade auf einer Ukulele klampfen, den Wein reichen oder vergewaltigt werden.

In Kontrast zu diesem düsteren Psychogramm steht der geradezu paradiesähnliche, überdimensionale Baum in der Bühnenmitte (Bühne: Anne Neuser). Die übrige Einrichtung ist puristisch: ein aristokratisches Sofa auf der linken, eine schwarzer Tisch auf der rechten Seite, dazu einige Weinflaschen und Gläser, die von Merteuil und Valmont gierig geleert werden. Das Glas, das Merteuil ganz am Anfang mit ihrem eigenen Blut vergiftet hat, steht drohend wie ein Damoklesschwert in der Mitte der Bühne.
Das in seiner Austauschbarkeit lähmende Spiel unterstreicht der Regisseur Ingo Kerkhoff, indem er Handlungen immer wieder wiederholen lässt: Wein trinken, die Weingläser durch den Raum pfeffern, vom Sofa rutschen. Wiederkehrende Slapstick-Tanzeinlagen unterstützen diese Sinnentleertheit wie die absurde Komik von Müllers Text, der außerdem immer wieder Zitate aus der Bibel, aber auch von Shakespeare, Samuel Beckett oder Georg Büchner aufgreift.
Das alles wär aber nur halb so wirksam, wäre da nicht die Musik von Luca Francesconi. Weil den Figuren jegliche Emotionen abhanden gekommen sind, wirken die flächigen Cluster und sphärischen Klänge der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster umso expressiver. Zu dem Liveorchester kommen außerdem eingespielte Klänge von Chor und Orchester, sowie elektronische Geräusche, die in Zusammenarbeit mit dem IRCAM (Institute for Research and Coordination in Acoustics/Music in Paris) entstanden sind, aus einem Soundsystem, das auch die Stimmen der Sänger verfremdet. Trotz Knistern und Knacken, kreischenden Glissandi der Geigen, schrillen Piccoloflöten und dumpf-grollenden Paukenschlägen bleibt Francesconis Klangsprache schwer greifbar.
Umso mehr überzeugen die Sänger: Allison Cook, die die Merteuil schon bei der Uraufführung gesungen hatte, präsentiert ihre darstellerischen Fähigkeiten, einen gewaltigen Ambitus und flexible Stimme. Ihr schmettert Christian Bowers als abgebrühter Valmont kraftvoll Verachtung entgegen. Dieser Musiktheaterabend gelingt durch seine starken Akteure und das vielschichtige Libretto. Bravorufe und Applaus.
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