Versunken im Ruhrkrimi – Rainer Küster
Foto: Ulrich Schröder

Kriminalistischer Abgesang aufs Regietheater

24. Januar 2016

Rainer Küsters Lesung mit viel Lokalkolorit in der Mayerschen – Literatur 01/15

Fast bis in den letzten Winkel gefüllt ist die Lesebühnen-Ecke der Bochumer Filiale der Mayerschen Buchhandlung, als Lokalmatador Rainer Küster vor 75 Besuchern seinen 2015 im Brockmeyer Verlag erschienenen neuen Ruhrkrimi „Schuldenspiele“ vorstellt. Der Titel stelle eine Variation des Wortes ‚Spielschulden‘ dar, so der Verfasser, der zuletzt mit seinem Autorenkollegen Rüdiger Schneider in der Mayerschen las. Diesmal ist Küster jedoch allein angetreten, da sich zuweilen auch in der wirklichen Welt ominöse Dinge ereignen: „Den im November 2015 erschienenen Krimi ‚Schuldenspiele‘ habe ich allein geschrieben, da mein bisheriger Co-Autor verschwunden ist“, ist auch der Homepage des Bochumer Krimi-Autoren zu entnehmen. Doch dies soll nicht das einzige Mysterium des Abends bleiben. Ein ähnliches Thema prägt den Krimi-Plot: Nach einer umstrittenen Tell-Inszenierung am Bochumer Schauspielhaus, in der Reichsvogt Gäßler „mit einer verdreckten Kalaschnikow“ erschossen wird, verschwindet der Schweizer Hauptrollen-Darsteller Leon Steiner plötzlich spurlos.

In der Bochumer Hochwert-Gastronomie betäubt sich Steiner mit Bier, um sich nicht länger über die „schwachsinnige Inszenierung“ ärgern zu müssen. Derweil sehnt sich der als Egomane charakterisierte Hauptdarsteller, „Träger der Gustav-Gründgens-Medaille“, in die – stark romantisiert dargestellte – Schweiz zurück und verunglimpft dabei auch noch den Ort des Geschehens: „Stattdessen hielt er sich in diesem gottverlassenen Bochum auf und musste allen Leuten (…) vorlügen, wie schön es hier sei. So schön grün überall und gar nicht das Ruhrgebiet, das er erwartet hatte; so (…) lauteten die Floskeln, die er immer wieder stumpfsinnig strapazierte, wenn er mit der hiesigen Bevölkerung ins Gespräch kam.“ Doch damit nicht genug des Bochum-Bashings, das in latente Xenophobie des Protagonisten kippt: „Besonders die Sprache der Leute im Ruhrgebiet nervte ihn. Das war doch eigentlich eine linguistische Fehlentwicklung, so hart und vulgär, wie sie klang. Da war eine bäuerliche Brutalität in diesem westfälischen Idiom (…). Er wusste, dass es mal eine starke Zuwanderung aus Polen ins Ruhrgebiet gegeben hatte; vielleicht war die Qualität des Deutschen in dieser Region durch die Einwanderer aus dem Osten zusätzlich verdorben worden. Er hatte nichts gegen die Polen, aber die Mischung stimmte einfach nicht.“ Rainer Küster, neben Josef Fellsches nicht zuletzt Co-Autor des in mehreren Auflagen erschienenen Dialekt-Wörterbuchs „Bochumer Wortschätzchen“, distanziert sich während der Lesung sogleich von den Tiraden des Protagonisten gegen die hiesige „verbale Holzhackerei“…

Auf dem Heimweg wird Steiner kurz vor seiner als „Villa Wahnsinn“ bezeichneten Behausung, die ihm vom Schauspielhaus zur Verfügung gestellt wurde, von einem maskierten Unbekannten niedergeschlagen und bleibt darauf verschollen. In den Fokus der Ermittlungen gerät schließlich sein Bühnen-Antagonist, Gäßler-Darsteller Hartmut Duwe, der in seinem Stiepeler Luxus-Apartment polizeilich befragt wird. Am Ende der vor allem von jeder Menge Lokalkolorit geprägten Lesung bleiben jedoch alle Fragen offen. Literarisch impliziert Küsters neuer Krimi einen Abgesang aufs Regietheater, das mit werkverfremdenden Inszenierungen den ermittelnden Oberkommissar zu dem von Küster abschließend zitierten Kommentar veranlasst: „Diese Theaterleute haben – glaube ich – alle einen an der Waffel.“

Rainer Küster: Schuldenspiele. Ein Kriminalroman aus dem Ruhrgebiet | Brockmeyer 2015 |256 S. | 6,99 €

Ulrich Schröder

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