Prost Mahlzeit: Als Schauspielerin Jennifer Frank das Publikum nicht mit dem revolutionären Feuer anstecken kann, gönnt sie sich etwas Gebranntes
Foto: Dominik Lenze

Freiheit, Gleichheit, Gleichgültigkeit

16. Juni 2015

Björn Gabriels „The Great Democracy Show“ im Rottstr5-Theater – Theater 06/15

Wer Schlafende wecken will, muss Krach machen – besonders wenn sie im Tiefschlaf sind. Genau das will Björn Gabriel mit seiner „Great Democracy Show“, die am 12.6. im Theater an der Rottstraße zu sehen war. Dabei fängt es so harmlos an: mit einem Begrüßungsküsschen und etwas Musik. Der Projektor lässt einen Film laufen, ein Kind schreit: Demokratie. Das alles vorm Rottstraßentheater in Sektempfangsstimmung. Die Show kann beginnen, es präsentiert sich: die Demokratie.

Doch die Stimmung kippt. Immer und immer wieder: Von Ironie in Wut, von Wut in Paranoia und zum Schluss in Resignation: „Holger, der Kampf geht nicht weiter“, sagt Schauspieler Christoph Jöde am Ende. Dem tristen Resümee geht eine wahnwitzige Irrfahrt voraus, die Schauspieler unterbrechen die Show wutentbrannt, um mit den Zuschauern Schnaps zu trinken, scheuchen sie mit Schwert bewaffnet durch die Gänge des Areals, eine vierte Wand ist in Björn Gabriels Theater nicht mehr zu spüren. Auch keine zusammenhängende Geschichte, was aber ganz beabsichtigt ist: „Mich interessiert vor allen Dingen die Orientierungslosigkeit“, sagt der Regisseur.

Genau die möchten Gabriel und sein Ensemble auf die Bühne bringen: Ausschweifende Reden über die Mechanismen von Ideologie und Medienmanipulation werden unterbrochen, mal von den Schauspielern selbst, mal durch plötzliche Geräusche oder Werbeeinblendungen. Ein Sinnbild für den ebenso aufgeklärten wie hysterischen modernen Menschen, der soviel weiß, aber auch soviel kennt, das ihn davon ablenken kann.

Nicht zuletzt ist das Chaos der bewusst überdrehten Inszenierung auch ein Stilmittel: Ohne das chaotische Wechseln der Schauplätze, ohne eine Jennifer Frank, die ihre Zuschauer mit dem Säbel übers Rottstraßengelände in den bedrohlich rot ausgeleuchteten Keller scheucht und all die anderen Verrücktheiten würde das Stück fast in eine klischeelinke Dozierstimmung abrutschen: Die Werbung diktiert uns, was wir zu begehren haben, Algorithmen was wir zu kaufen haben und so weiter und so fort – das alles wissen wir. Die große Pointe an „The Great Democracy Show“ ist nicht, dass sie uns nichts beibringen will, sondern voller Empörung zeigt was wir schon wissen – und trotzdem gleichgültig bleiben.

Vielleicht ist die Show deswegen so laut, so hysterisch, so energisch. Das ist kein politisches Theater, das aufklären will – das braucht niemand mehr, wir wissen Bescheid. „The Great Democracy Show“ will aufwecken. Dass das bei aller Unterhaltung auch anstrengend ist, geschenkt. Aber wer lässt sich schon gerne aus gut gemachten Betten scheuchen?

Dominik Lenze

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