Der Komponist Philip Glass eröffnet gemeinsam mit dem englischen Theaterregisseur Phelim McDermott die diesjährigen Ruhrfestspiele. Der New Yorker Glass, der die Richtung der Minimal Music prägte, steuert insgesamt zehn neue Kompositionen für „Tao of Glass“ bei. Die Koproduktion mit dem Manchester International Festival feiert am 3. Mai im Recklinghausener Festspielsaal Deutschlandpremiere. Die zum Teil autobiographische Zusammenarbeit der beiden Künstler dreht sich um Tod und Leben, Taoismus und neueste Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften.
Ein weiteres Highlight, welches das Team um Intendant Olaf Kröck bei der Programmvorstellung ankündigte: „Die Jakobsbücher“ nach dem Roman der im letzten Herbst gekürten Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Regisseurin Ewelina Marciniak adaptierte die Vorlage über Jakob Frank, den Anführer einer mythischen Bewegung, bereits im Warschauer Teatr Powszechny. Das Theaterhaus gilt als letzte Hochburg, in der die künstlerische Leitung noch nicht von der nationalkonservativen PiS-Partei gestellt ist. Im März 2017 zog die Inszenierung „Fluch“ mediale Proteste und Demonstrationen nach sich. Der Intendant und Ensemblemitglieder wurden beschimpft. „Für uns ist das eine Art Solidaritätserklärung mit der Situation der Theatermacher in Polen“, erklärt Olaf Kröck über die Deutschlandpremiere der „Jakobsbücher“ (21. Mai).
Wie in seiner ersten Spielzeit konnte Kröck eine Inszenierung von Peter Brook ankündigen. Gemeinsam mit der französischen Autorin Marie-Hélène Estienne bringt der mittlerweile 95-jährige Altmeister die Pariser Produktion „Why?“ auf die Bühne. Beide fragen im Stück, warum überhaupt Theater gemacht wird, worum es geht und für wen es ist. Dafür setzen sie sich mit dem Leben des russischen Regisseurs Wsewolod Meyerhold auseinander. Der Avantgardist mauserte sich in der frühen Sowjetunion zu einem der innovativsten Theatermacher der Moderne, bevor Meyerhold der stalinistischen Konterrevolution zum Opfer fiel.
Dass Brook ein Vermächtnis dieses einflussreichen und schließlich verfolgten Theatermachers abliefert, passt zum Motto der Spielzeit: „Macht und Mitleid“. Für Olaf Kröck eine „Weiterführung“ des letztjährigen Programm-Credos „Poesie und Politik“, wie der ehemalige Interimsintendant des Schauspielhaus Bochum erklärte: „Wenn Macht das Mitgefühl verliert, wird es zur Repression und Unterdrückung.“ Weg vom politischen Ganzen, hin zu den biographischen Materialien, lautet also die Stoßrichtung.
Mit Biographien vor allem „einfacher Leute“ kennt sich der Schriftsteller Clemens Meyer aus, der am 3. Mai die Eröffnungsrede übernimmt. Als gebürtiger Sachse hat er zudem ein Gespür für die Brüche einer einstigen Bergbauregion, wie Kröck hofft: „Er wird uns sicherlich einiges über das Ruhrgebiet aus seiner Perspektive zu erzählen haben.“ Neben Meyer lesen weitere prominente Autoren oder plaudern mit Literaturkritiker Denis Scheck, darunter etwa Christoph Ransmayr oder Saša Stanišić.
Ruhrfestspiele 2020 | 1.5. bis 13.6. | Recklinghausen, diverse Orte | www.ruhrfestspiele.de
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