Die Versuchanordnung des Theaterstücks „We watch you watch“, das im Rahmen des Favoriten-Festivals aufgeführt wird, ist schnell erklärt. Das Publikum sitzt im ersten Stock des Westfälischen Industrieklubs Dortmund direkt hinter der Glasfront und blickt auf das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt hinab. Über die Kopfhörer, die es dabei trägt, liefern vier Darsteller, die wiederum unten auf der Straße den Blicken des Publikums entzogen sind, Informationen. Diese betreffen Menschen, die ahnungslos vorbeischlendern und so unwissentlich Teil der Inszenierung werden. Eingebettet ist das 50-minütige Stück in eine Rahmenhandlung. Die Schauspieler übermitteln dem Publikum nicht nur die Gedankenwelt der Menschen auf dem Platz, sie reden auch immer wieder von Profilen, Hintergrundinformationen und Kompatibilitäten, als würden sie vorab gesammelte Daten auswerten.
Der Titel „We watch you watch“ spielt bereits auf die Problematik schwindender Privatsphäre an. Die digitale Sammlung von Daten, die durch millionenfache, banale bis intimste Offenbarungen auf sozialen Plattformen wie Facebook und Twitter
täglich geschieht, wird hier analog gespiegelt. Das Stück ist in verschiedene Phasen eingeordnet, was den Sprechern einen roten Faden bieten soll. Die unberechenbarste, am freisten improvisierte, ist dabei die für das Publikum spannendste. Die Schauspieler geben die Gedanken der Passanten in einem fiktiven, inneren Monolog wider. Der Zuschauer muss erahnen, wem diese gerade in den Mund gelegt werden. Manchmal geschieht dies weniger elegant, wenn die Einordnung nur gelingt, indem eine Zeile wie „Ich trage eine rote Mütze und eine schwarze Aktentasche“ vorangestellt wird, damit das Publikum die Person auch wirklich dem Gesprochenen zuzuordnen vermag. Erstaunlich gut funktioniert diese Technik des fiktiv-mentalen Voice-Overs bei auffälligen Gestalten, kleinen Grüppchen oder auch Paaren. Oft schaffen es die Sprecher Markus Heinicke, Angelika Krautzberger, Mirco Monshausen und Nika Wanderer, auf den Punkt zu bringen, was man selber gerade dachte. Immer wieder ergeben sich aber auch Brüche, wenn die eigene Erwartungshaltung unterlaufen wird. Beispielsweise wenn ein seltsam verhuschter und wirr umher blickender Zeitgenosse – und davon gibt es auf der urbanen Bühne eine Menge – plötzlich Zeilen von Rilke oder Dostojewski im inneren Monolog rezitiert.
"We watch you watch" im Sommer 2012 in Köln. Foto: koeln_kultur_kolumne
Das Stück übt nicht nur Kritik an der bröckelnden Privatsphäre, sondern verletzt diese auch selbst eklatant. Dies ist der Regisseurin Philine Velhagen und der Dramaturgin Tina Saum durchaus bewusst. Menschen werden ohne sie zuvor um Erlaubnis gebeten zu haben Teil der Inszenierung. Anhand ihrer äußeren Erscheinung werden ihnen bisweilen drastische bis beschämende Gedanken zugeschrieben, sie werden eine Projektionsfläche für Stereotype und Vorurteile. Durch diesen grenzwertigen Umgang mit Passanten wird das Publikum aber auch geschickt animiert zu reflektieren, wie schnell man selbst Menschen beurteilt und in Schubladen steckt. Der beste Moment ist daher der Schluss von „We watch you watch“, als sich die Situation dreht: Wenn sich die Schauspieler zur Verbeugung vor der Fensterscheibe versammeln, der Scheinwerfer plötzlich auf das applaudierende Publikum gerichtet ist. Es spiegelt sich dann nicht nur selbst im Glas, sondern wird auch von den bis dato unwissenden Passanten gesehen und selbst den Blicken der Öffentlichkeit preis gegeben.
Festival Freier Theater NRW | noch bis 1.12. | Festivalzentrum: Dietrich-Keuning-Haus und andere Orte | Leopoldstraße 50-58, Dortmund | Infos: 0231-5 02 77 10
Das nächste Festial findet 2014 statt.
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