Ein Klassenzimmer. Neun Plätze, einer bleibt frei. Warum wird die Geschichte zeigen, die der italienische Regisseur Simone Derei im Mülheimer Theater an der Ruhr erzählt. „Sokrates der Überlebende / Wie die Blätter“ ist ein fein recherchiertes Bild humanistischer Bildung in Europa und den daraus resultierenden Irrwegen. Nach dem Roman „Il sopravvissuto“ (Der Überlebende) von Antonio Scurati und mit Texten von Platon, Cees Nooteboom und Georges I. Gurdjieff ist die letzte Stunde des Geschichtslehrers vor einem Amoklauf mehr sinnliche Performance denn traditionelles Kammerspiel. Schon die minutenlange Eröffnungssequenz mit tosender Soundspur (Sounddesign: Mauro Martinuz), und langsam unter ihre Tische niedersinkenden Schülern kann als Prämisse verstanden werden, dass die an die Wand projizierten 100 Millionen Tote aus kriegerischen Sinnlosigkeiten einfach nicht mehr zu fassen sind und einen der Schüler wohl auch aus der Bahn werfen.
Was ist also das in Buchseiten gepresste Wissen wert, wenn derartiges Schlachten nie verhindert wurde? Wenn es nur noch darum geht, Wissen stoisch abrufbar zu machen, ohne die Rhizome zwischen den einzelnen Ereignissen zu erkennen und zu lehren, dann muss die Lehrerschaft den Einzelnen aus den Augen verlieren, was dann zwangsläufig auch zu drastischen Ausbrüchen führt. Der Geschichtslehrer erzählt die Ereignisse der letzten Geschichtsstunde vor einem Amoklauf, dem – außer ihm – das ganze Kollegium zum Opfer fällt. Anhand von Gleichnissen des Sokrates, der im Angesicht des Todes den jungen Alkibiades noch vor ungenauen Analysen warnt (als Video mit Masken eingespielt), mit Erklärungen zum Täter und der Lehrerschaft hat Simone Derei einen nachdenklichen, aber wunderbaren Abend geschaffen.
„Sokrates der Überlebende / Wie die Blätter“ | R: Simone Derei | Fr 7.2., Di 11.2. 19.30 Uhr, Mi 12.2. 11 Uhr | Theater an der Ruhr, Mülheim | 0208 599 01 88
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