Wie inspiriert die Ruhrgebietsstadt Autoren? Wo liegt Literatur in der Luft, flirren die Geschichten über dem Asphalt, spricht Lyrik aus dem Rinnstein? – Die Literarische Gesellschaft Bochum e.V. hat sich gemeinsam mit dem Friedrich-Bödecker-Kreis zur Aufgabe gemacht, eine literarische Karte Bochums zu erfassen, mit möglicher Ausweitung auf umliegende Städte.
Im Herbst 2012 startete erstmals der Aufruf, unter dem Namen „Dein Bochum – Urben History Rewritten“ Texte über Bochumer Lieblingsorte einzureichen. Was sind Lieblingsorte? Was verbindet man mit diesem Ort? Welcher Mythos rankt sich darum? Warum ist der Ort einzigartig? Zahlreiche Einsender sind dem Aufruf gefolgt, vom kurzen Textschnipsel bis zum komplexen Romanauszug reicht die Spanne dessen, was die Jury zu Augen bekam. Doch wie kam es überhaupt zu dieser ungewöhnlichen Ausschreibung und zur Kooperation zwischen den Initiatoren? Schließlich ist der Friedrich-Bödecker-Kreis eine Institution, die sich der Leseförderung von Kindern und Jugendlichen verschrieben hat, während die Literarische Gesellschaft in ihrer über einhundertjährigen Geschichte so manch großen Namen der Literatur nach Bochum geholt hat. „Die Idee entstand eigentlich erst einmal ganz unabhängig von den Institutionen“, erläutert Sarah Meyer-Dietrich, Geschäftsführerin des Bödecker-Kreises, „Timo Malers und ich saßen an einem Sommertag draußen und sprachen darüber, dass es eigentlich toll wäre, mal ein Buch über Bochum zu haben, das Bochumer selbst geschrieben haben. Eigentlich dachten wir zunächst an eine Geschichte, die von vielen weitergeschrieben wird. Das schien uns dann aber organisatorisch doch recht kompliziert. Texte über Lieblingsorte war unsere nächste Idee. Ein Mosaik aus Texten über Lieblingsorte, die zusammen ein Bild ergeben: Bochum – wie die Bochumer es sehen. Da ich Geschäftsführerin des FBK bin, stand der Verein als Organisator schnell fest. Passender fanden wir in dem Fall aber eine Kooperation mit einem Verein, der anders als der FBK regional verankert ist und nicht nur Kinder und Jugendliche anspricht. Da kam die Literarische Gesellschaft Bochum ins Spiel. Und deren Vorsitzender Ralph Köhnen musste gar nicht mehr überzeugt werden, der fand das Konzept gleich super, und wir haben die Idee dann gemeinsam weitergesponnen.“ Ralph Köhnen bestätigt das aus seiner Sicht: „Beide Gesellschaften sehen Literatur als soziale Praxis. Und wenn die FBK für die Kinder-Jugend-Generation, die Literarische eher für die Erwachsenen zuständig ist, wollten wir zusammen mit dem Schreibprojekt bzw. dem nun folgenden Lesewettbewerb das literarische Potenzial dieser Stadt wachrufen.“ Das Kulturbüro der Stadt war ebenfalls schnell überzeugt, und so konnte der Schreibaufruf bald starten. Dass ausgerechnet ein Anglizismus für einen lokal verorteten Literaturwettbewerb gewählt wurde, hat den Organisatoren auch einigen Spott eingebracht. „Wir haben das gemacht, weil ‚Bochumer Stadtgeschichte neu geschrieben’ ganz schön öde klingt“, schmunzelt Meyer-Dietrich, um dann doch ernster hinzuzufügen: „wir hatten uns erhofft, dass sich so zum Beispiel auch Austauschstudenten etc. angesprochen fühlen. Das war bis jetzt nicht so der Fall. Aber mal sehen, was noch kommt.“
Literarische Landvermessung
Auch wenn es mit den Austauschstudenten noch nicht so geklappt hat wie erhofft, schlägt der Wettbewerb bereits Wellen über die Bochumer Stadtgrenzen hinaus, „Miniwellen“, wie Meyer-Dietrich bescheiden einräumt: „nämlich insofern als dass viele der Autorinnen und Autoren nicht – oder nicht mehr - in Bochum wohnen. Wir haben zum Beispiel Beiträge aus Basel und Berlin erhalten. Bochum reicht halt weiter, als man meinen könnte. Es wäre aber natürlich auch schön, dieses Konzept auch auf andere Städte zu übertragen. Dein Dortmund//Urban History Rewritten zum Beispiel. Die Texte werden im Internet veröffentlicht und dort auf einer digitalen Karte verortet – wenn sich das Lieblingsorte-Netz letztlich über das ganze Ruhrgebiet erstreckt, wäre das schon schön.“ „Es wird schon laufen, wenn es einmal richtig Kreise zieht“, wirft Köhnen ein, „und die Leute entdecken, dass sie ja permanent Texte an die Redaktion schicken können und diese auf der digitalen Stadtkarte eingestellt werden – vielleicht als Modell für andere Städte, Stadtteile oder gar Regionen.“
Die Glocke
Doch bleiben wir zunächst einmal in Bochum. Die eingesandten Texte beziehen sich zum Teil auf Orte, über deren Lieblingsorttauglichkeit ein allgemeiner Konsens herrschen dürfte: Da ist natürlich der Stadtpark mit seinem Ruderteich, die von Grillduft durchzogenen Ruhrwiesen oder auch immer wieder das Bermuda3Eck mit seinen diversen Kneipen. Doch auch abgelegenere Straßen, Bushaltestellen oder das immer noch in vielen Köpfen nicht akzeptierte Terminal von Serra werden mit zum Teil sehr persönlichen Erinnerungen verknüpft oder lyrisch besungen. So war auch die Juryarbeit alles andere als langweilig, wie Meyer-Dietrich durchblicken lässt: „Es waren viele Orte dabei, bei denen wir gedacht haben: Ja genau, ein Lieblingsort! Überraschend waren meist eher die Texte drumherum. Aber zumindest einen Ort hatten wir definitiv nicht erwartet: die Glocke vor dem Rathaus. Die haben wir zwar als Wahrzeichen wahrgenommen, dass es aber auch ein Ort in dem Sinne ist oder gar ein Lieblingsort sein kann, an dem man sich geborgen fühlt ... auf die Idee wären wir von allein nicht gekommen.“ Fußballfan Köhnen wiederum las mit Überraschung einen Text über „Das Wattenscheider Lohrheidestadion, Ort vieler Hoffnungen ...“
Spuren legen
Welche Texte die Jury für preiswürdig hält, bleibt noch bis zur Lesung am 17. März geheim, denn auch das Publikum soll über drei Preise entscheiden und diese Wahl unbeeinflusst treffen. 26 Autorinnen und Autoren hat die Jury für den Lesewettbewerb ausgewählt – und tatsächlich haben bis auf einen auch alle zugesagt, in der Rotunde zu lesen. „Damit haben wir nicht wirklich gerechnet“, gibt Jurymitglied Timo Malers zu, denn einige Autoren nehmen durchaus längere Anreisen nach Bochum auf sich, obwohl keine Fahrtkosten oder Honorare gezahlt werden können. Die weiteste Anreise dürfte aus Basel erfolgen. Mit der einen oder anderen Absage hatte man also gerechnet – nun wird es mit 25 Teilnehmern ein kleiner Lesemarathon, was aber ein vielfältiges Portrait der Stadt verspricht. Ralph Köhnen gibt seinen Studenten stets ein Motto des amerikanischen Dekonstruktivisten Geoff Bennington auf den Weg, wenn sie lesen oder schreiben: „Hinterlassen Sie eine Spur, wenn sie können!“ – In Bochum werden diese literarischen Spuren nun sichtbar gemacht.
„Dein Bochum – Urban History Rewritten“ I So 17.3.15 Uhr I Rotunde Bochum
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