Es ist ein Spießrutenlauf durch die Dorfgemeinschaft. Die junge Yerma sucht eigentlich Rat und gerät in ein Spalier kindersatter Weiblichkeit, durch das sie, die Kinderlose, wie eine gepeinigte Außenseiterin irrt. Es sind keine körperlichen Züchtigungen, sondern seelische. Yerma, die Hauptfigur in Federico Garcia Lorcas gleichnamigem Stück von 1934, macht aus der kinderlosen Ehe, die sie mit Juan führt, das Purgatorium ihres vermeintlich verfehlten Frauseins, ja, ihres verfehlten Lebens. Was aber sagt uns das heute im Zeitalter der Singles, der Kinderlosen oder Einkindfamilien?
Darauf gibt die Inszenierung von Cilla Back am Schauspielhaus Bochum keine Antwort. Sie zoomt das Stück nicht heran, sondern rückt es in die Ferne. Die dörfliche Welt wirkt, gerade weil sie so realistisch gezeichnet ist, verfremdet: Zwei roh behauene Lattenkonstruktionen flankieren die Bühne. Rechts eine Hängematte mit Stuhl und Tisch, hinten eine metallene Viehtränke unter einem ächzenden Windrad (Bühne: Csörsz Khell). Hier singt Bettina Engelhardt als Yerma mit übersprunghafter Körperspannung und gepresstem Stimmorgan das Hohelied der Mutterschaft. Sie wirft sich der schwangeren, jungen Maria (Friederike Brecht) regelrecht an den Bauch und lauscht angestrengt; sie trifft sich mit der alten Frau am Brunnen (Ute Zehlen), die Körper neigen sich zueinander, Vertrauen und Begehren mischen sich, ein Kuss, ein Rat.
Cilla Back lässt die Körper etwas anderes erzählen als den Text. Die Emotionen werden radikal in eine Choreographie der Gesten, Bewegungen und Haltungen veräußerlicht, nicht ohne dabei einem Hang zum Archaischen zu frönen. Das funktioniert dann am besten, wenn die Szenen ein reales Substrat haben. So viel Erotik beim Wäschemangeln war nie: Yerma und der verführerische Victor (Daniel Stock) ziehen und zerren an einem Betttuch herum, bis die libidinösen Stromstöße funkensprühend durch den Stofffetzen jagen. Schließlich stehen sich die beiden wie Tiere vorm Sprung gegenüber – unterlegt mit gurrenden Tönen eines Frauenchors. Peinlich allerdings wird es immer dann, wenn die Regisseurin die Szenen in symbolische Sphären hinaufschraubt. Die nackten Frauen unter Brautschleiern, die von einem Stiermann bedrängt werden, sind genauso lächerlich wie die schwarz verhüllten, Teig knetenden Ku-Klux-Klan-Schwägerinnen.
Cilla Backs Yerma ist eine Getriebe, eine Besessene, die in hart geschnittenen Szenen einen metaphorisch überhöhten Staffellauf der Verzweiflung durchläuft: von der kalten Auseinandersetzung mit ihrem schluffigen Ehemann Juan (Werner Strenger) über die esoterische Geburtsbeschwörung der Zauberin bis zum Kirchenbesuch. Allerdings bleibt das Pathos dieser lehrstückhaften Exemplarik immer gefährdet, ins Komische abzurutschen. Die Verengung eines Lebens auf die nicht gelingende Schwangerschaft wird schließlich zum Wahn, wenn Yerma sich den Zopf abschneidet (Achtung: Symbol!) und damit ihren Mann erdrosselt. Cilla Backs Inszenierung vollführt einen Balanceakt, immer absturzgefährdet und darin wagemutig entzieht sie Lorcas Stück vorschneller Vereinnahmung – und das ist bei aller Kritik nicht das Schlechteste.
„Yerma“ von Federico Garcia Lorca | R: Cilla Back | Bochumer Schauspielhaus | 1./ 17.6. 19.30 Uhr | www.schauspielhausbochum.de
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