Wo ist mein Morphiumfläschchen? Wo ist mein Leben? Am Schluss findet Anna Karenina das Loch zwischen den zwei Waggons des einfahrenden Zuges. Da wird es dunkel und die Schuldgefühle sind Geschichte. Thomas Krupa inszeniert in Essen eine recht aufwendige Tolstoi-Fassung mit modernem Formenspiel. All inclusive sozusagen, mit Drehbühne, Lichterscheinungen, etwas Sex und einem blinkenden Autoscooter. Weit entfernt also vom russischen Realismus des späten 19. Jahrhunderts. Die Parameter Ehe, Moral, Selbstfindung und Lebensgier haben sich bis heute gehalten, daraus strickt Krupa mit der Armin-Petras-Fassung eine fast allgemeingültige Geschichte über Lebensentwürfe, in denen Heirat keine Lösung mehr zu sein scheint und das Leben an sich ultra-viele Fallen stellt. „Anna Karenina“ ist in Essen eine Existenz, in der nicht nur täglich das Murmeltier grüßt, sondern sich die Welt auch mal im Kreis dreht. Und die Menschen um sie herum kreisen um das Leid wie sie.
So golden diese Welt auch scheint, im Innern ist sie erkaltet, trotz der Menge an Liebesschwüren. Ein Funke springt nicht über, die Figuren bleiben blass wie Marionetten, die von unsichtbarer Hand geführt werden. Auch die Choreografie bringt keine Spannung hinter dem Drehgerüst mit durchsichtiger Spiegelfront.
Es ist kein verlorener Abend, aber nach des gehörnten, biederen Karenins (Stefan Diekmann) Schmunzler: „Ich bin nicht eifersüchtig“, passiert irgendwie nicht mehr viel. Der Tolstoi rollt dahin, mit zahlreichen von den Spielern mitgesprochenen Situations-Erklärungen aus dem Roman. Klar, heute wäre Annas (Janina Sachau) Haltung fast gesellschaftskonform, auch die Konsequenzen – Kind oder Liebhaber? – haben sich verschoben, dennoch fehlt der Inszenierung die letzte Brisanz. Auch die Alternativen mit Kitty (erst aufmüpfig, dann heiratswillig: Silvia Weiskopf) und Lewin (ganz blass, aber verliebt: Sven Seeburg) oder dem unglücklichen, aber „Wir bleiben gnadenlos verheiratet“-Ehepaar (Evamaria Salcher und Matthias Breitenbach) können nicht überzeugen. Souverän nur der Teddybär, aber der ist ja aus Wolle.
„Anna Karenina“ | R: Thomas Krupa | Fr 27.6. 19.30 Uhr | Grillo-Theater, Essen | 0201 812 22 00
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