In Kamen ist eine verwaiste Jungkrähe bei einer Pflegefamilie untergekommen. Gut, dass sie 35 Kilometer Luftlinie fern von meiner Nachbarschaft aufwächst. Hier würde der greise Rüde aus dem Erdgeschoss bald gegen den Findling vorgehen. Sonst ein sanftes Gemüt, stürmt er auf wankend vor, wenn er eine Krähe erblickt, zufrieden, wenn die das Weite sucht. Woher die Wut? Das weiß nur er. Oder auch nicht. Es ist wohl ein plumpes Vorurteil. Kennt man ja von sich selbst. Er ist durchaus für Feinheiten sensibel: Die verwandten Dohlen ignoriert er. Seine Marotte infrage stellen kann er freilich trotzdem nicht – er ist ein Hund. Die Krähenwaise soll einst in die Natur entlassen werden. Dann könnte mein vierbeiniger Nachbar gar behilflich sein, falls die Loslösung von der sorgenden Familie zu schwer fiele. Die Krähe dürfte nur nicht merken, wie rasch ihm die Puste ausgeht.
Auch in unserem Monatsthema JUNGE POLITIK geht es um Vorurteile. Um deren Abbau bemühen sich junge Muslime, die sich für die Demokratie einsetzen. Wir diskutieren, was das für unsere Gesellschaft bedeutet. Die Islamwissenschaftlerin LAMYA KADDOR fragen wir, warum Muslime nur zögerlich Stellung gegen islamistischen Terror beziehen und wie Integration gelingen kann.
Mit FLORIAN FIEDLER, neuer Intendant am Theater Oberhausen, sprechen wir vorab über die Premiere von Mario Salazars „Schimmelmanns“. Das Stück, benannt nach einer deutsch-dänischen Sklavenhändlerfamilie des 18. Jahrhunderts, nimmt das neue Aufkommen autoritärer Ideologien in den Blick. Krzysztof Warlikowski inszeniert Claude Debussys Oper PELLÉAS ET MÉLISANDE auf der Ruhrtriennale. Ein strenges Bühnenbild trifft auf Charaktere, deren innere Zerrissenheit schauspielerisch und musikalisch Ausdruck findet. Auch hier klingen Widersprüche unserer Zeit an.
Auf der Ruhrtriennale besuchen wir auch HERTA MÜLLERs Eröffnungsrede. Die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009 veranschaulicht mit einer autobiographischen Erzählung die Gefahr autoritärer Politik.
Das Hagener Osthaus Museum widmet dem Maler und Objektkünstler UGO DOSSI eine Ausstellung. Ein Besuch vermittelt das Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben, findet unser Kritiker Thomas Hirsch. Im Kunstmuseum Mülheim zeigt ALICE KÖNITZ ihre erste museale Einzelausstellung in Deutschland. Die in Mülheim aufgewachsene und in Los Angeles lebende Künstlerin spricht mit uns über ihr neu erwachtes Interesse an Deutschland und über Kunst, die Gedanken öffnet.
Film des Monats ist KÖRPER UND SEELE. Eine autistische Frau und ein älterer Mann entdecken, dass sie sich Nacht für Nacht zusammenträumen. Das tragikomische Liebesdrama der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi hat auf der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Mit JÜRGEN PROCHNOW sprechen wir über seine Titelrolle in „Leanders letzte Reise“, fehlende Eitelkeit und erlebte Zeitgeschichte beim Dreh in der Ukraine.
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