Zur Lesung in Duisburg: Raoul Schrott
Hans-Peter Hassiepen

Troia muss man mit seinem Krieg retten

05. September 2012

Raoul Schrott liest aus seiner umstrittenen Übersetzung – Literatur 09/12

Als Komparatist sagt er, muss man zwangsläufig „über den Rand schauen“. Wie schön man damit auch Begrenzungen sprengen kann, hat der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und besagter Komparatist Raoul Schrott mit seiner Neuübersetzung der monumentalen „Ilias“ medienwirksam dargestellt. Hiernach wäre Homer eben nicht in Troia gewesen, sondern im zentral und südlich gelegenen Kilikien, das damals zum Gebiet der Assyrer gehörte. Homer hätte, raffiniert wie er war, eine Schlacht aus der troianischen Erzählung auf den Boden Kilikiens übertragen. Dies konnten viele Philologen, die ein halbes Leben und mehr sich mit den 24 Gesängen des Homers beschäftigten, nicht auf sich sitzen lassen − und so wurde Schrotts Version als „Hirngespinst“ oder „irrwitzige Fantasterei“ bezeichnet.

Fakt ist, dass Raoul Schrott einen Krieg aufleben ließ, von dem man bis heute nicht wirklich weiß, ob, und wenn, wo er stattfand. Damit eignet er sich zugleich in die neue Lesereihe des Literaturbüros, „Kriegsbefangen“. Fast siebzig Jahre nach dem Ende des letzten Weltkrieges erleben viele Menschen den Krieg in den Bildern und Berichten massenmedialer Flimmerzustände. Auf der anderen Seite ist er heute in der politischen Rhetorik zahlreicher Staaten wieder präsent − was sich nicht zuletzt an Problemen wie dem Ressourcenmangel oder der Vorherrschaft um Absatzmärkte und Transportwege niederschlägt. Gerd Herholz, Initiator dieser Reihe und Leiter des Literaturbüros Ruhr weitet den Begriff aber „auf die Warenkriege auf Kosten der Dritten Welt“ aus, ebenso wie auf die ökonomisch reizvolle „Kriegsbeteiligung“, die am „Scheinfrieden zwischen Flensburg und dem Bodensee“ zeigen würd ablesbar ist.

Bereits Homer muss von der Komplexität des Krieges in seinen 24 Epen etwas gemerkt haben. Und erst Recht Raoul Schrott, dessen gelassene Art, mit dem Altphilologenspott umzugehen, in der Aussage mündet, dass noch niemand seine These ausgehebelt habe. Von seinen Recherchen und der literarischen Erfrischungskur des Homer-Epos kann man sich am Donnerstag im Duisburger Gemeindehaus Ruhrort überzeugen.

Raoul Schrott: Die „Ilias“ des Homer – Gesänge über den Krieg und viel Neues vom Streit um das wahre Troia I Do 6.9. 20 Uhr I Gemeindehaus Ruhrort Duisburg I Infos: 0203 80 63 10

Das Programm zur Reihe „Kriegsbefangen“ finden Sie hier: www.kriegsbefangen.de

Dawid Kasprowicz

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