Ein bitterkalter Samstagabend. Vom Dortmunder U scheint eine bedrohlich wirkende Videoinstallation hinab. Eine überdimensionale Taube beäugt wie Gestalten, der Kälte trotzend, über den Königswall Richtung Kaktus-Farm strömen. Gut gelaunt und in Vorfreude auf den hohen Besuch aus dem europäischen Süden, denn Talco sind in der Stadt.
Im Warmen angekommen bringen Roughneck Riot das Publikum bereits auf Betriebstemperatur. Mit ihrem von Folk durchmengten Celtic Punk, aber auch Banjo und Schifferklavier sowie zwei rasanten Rampenfrauen stimmen die sechs Briten wie erwartet perfekt auf Talco ein. Spätestens bei „Pissing in the Wind“ kommen die meisten von der Biertheke Richtung Bühne.
Nach kurzem Umbau betreten die sechs Italiener aus Marghera fast unbemerkt die Bühne. Schon nach wenigen Takten sind sie allerdings nicht mehr zu überhören und die Besucher kaum noch zu halten. Bereits beim ersten Stück wandert ein Stagediver über ohnehin nach oben gereckte Hände, der erste von vielen. Wo es aussieht, als würde am Sonntagmorgen auf gefliesten Boden zur Tanztee-Matinee geladen, bildet sich nun ein Pogopit. Drumherum schafft es niemand, die Füße still zu halten. Punkrock trifft bei Talco auf extrem tanzbaren Ska. Wunderbare Offbeat-Rhythmen, perfekt harmonierende Trompete und Saxophon werden durch den italienischen Gesang ergänzt. Die Sprache aus dem Land des dolce vita ist von Natur aus melodisch. Jeder Song sprudelt wie eine akustische Wundertüte vor Euphorie über. Die Fans danken es mit ausgelassenem Tanz und feiern Talco als gäbe es kein Morgen mehr. Der Raum ist eine einzige wabernde Masse, die kollektiv klatsch, sich hinhockt, aufspringt.
Dass die wenigsten im Raum Italienisch sprechen dürften, wirkt sich nicht auf die Stimmung aus. Dabei sind Talco in bester Ska P-Manier und Weggefährten wie Banda Bassotti und RedSka verpflichtet durchaus politisch. Aber selbst Antifa-Parolen, Kapitalismuskritik und Partisanenrufe klingen auf Italienisch fast wie Poesie. Hinzu kommen fetzende Balkanbeats. Eugene Hütz alias Gogol Bordello würde längst volltrunken auf dem Tisch tanzen.
Ob man die Texte von Talco nun inhaltlich versteht oder nicht, ist letztlich unerheblich. Anderthalb Stunden lang verbreitet das italienische Sextett um Sänger Tomaso De Mattia allein durch seine Rhythmen pure Lebensfreude. Denn einfach mal einen Abend die Seele tanzen zu lassen, macht die Menschheit zumindest nicht noch schlechter. Letzten Endes – und das zwischendurch intonierte „His Name was Robert Paulson“ lässt vermuten, dass Talco den Film "Fight Club" mehr als einmal gesehen haben dürften – sind wir ja doch nur der singende, tanzende Abschaum der Welt.
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