Es gibt wahrscheinlich kaum ein ahistorischeres Medium als das Theater. Zwar lebt es größtenteils von historischen Stoffen, doch seine eigene Geschichte reflektiert es selten. Der Regisseur Volker Lösch holt jetzt in Düsseldorf zu einer veritablen Geschichtsstunde aus. Als Vorlage nutzt er Gerhart Hauptmanns Tragikömödie „Die Ratten", die zum einen die Geschichte des Dienstmädchens Piperkarcka erzählt, die aus Armut ihr uneheliches Kind an Frau John verkauft, die es dann nicht mehr hergeben will und sich in todbringende Widersprüche verstrickt. Dagegen geschnitten sind Szenen um den Möchtegern-Intendanten Hassenreuther, der als Anhänger einer idealistischen Klassikerexekution Jungmimen Schauspielunterricht erteilt und dabei mit dem Naturalismusanhänger und Hauptmanns Alter Ego Erich Spitta aneinander gerät. Bei Lösch wird daraus ein reflektierender Parforce-Ritt über Spielweisen im Theater und die Darstellbarkeit von sozialen Verhältnissen auf der Bühne.
Während der blökende Hassenreuther des Rainer Galke in stilisierter Säulendeko seine Truppe Pathosschaum schlagen lässt, schert Spitta (Urs Peter Halter) bald aus und sucht im Publikum nach geeigneten Darstellerinnen: „Schauspieler-Kenntnisse nicht erwünscht!" Er findet 16 alleinerziehende Mütter, die dann auf der Bühne ihr Leben zwischen Armut, Arbeitsplatzsorgen, gewalttätigen Männern in die Kamera erzählen. Kaum haben sie das getan, werden die weiblichen Laien von Spitta durch eine Art Lindenstraßen-„Ratten" gescheucht, billiger Trash zwischen Dokudrama und Soap. Dann dieselben Szenen in der Longversion als psychologisch-stiliserte Version mit den Berufs-Schauspielern. Da streitet sich Claudia Hübbecker als eine schwer keifende Frau John mit der verzweifelten Pauline Piperkarcka der Anna Kubin. Dann wieder eine Version mit den Laien und Schauspielern zusammen in grau stilisierten Filzkitteln mit Babytuch als wuchtiger Sprechchor. Alles sehr körperlich, brüllend laut mit aufgeputschten Gefühlen. Lösch nimmt Hauptmanns „Ratten" allenfalls als Anlass, um über Fragen der Darstellung, des (sozialen) Realismus von Hauptmann über Brecht bis zur Postmoderne, des Authentischen und Wahrhaftigen sowie über Wirkungsästhetik nachzudenken.
Es ist vor allem der Laienchor, der sich dabei beeindruckend schlägt, der schließlich zu einer großen Klage über das Dasein als gesellschaftliche Underdogs ansetzt – die bei aller Authentizität die Wucht einer antiken Tragödie entwickelt. Dazwischen schneidet Lösch in grotesker Überzeichnung Szenen mit Debatten zwischen Hassenreuther, Spitta und den Schauspielern über alle möglichen Theaterprobleme, lässt Theoriediskurse aufbranden, Düsseldorfs Theaterzukunft erörtern – doch leider bald in ihrem kurzgeschnittenen Modus aufgeputscht zum theatralen Overkill – bis man das Stück vor lauter Szenen nicht mehr sieht. Weniger wäre da mehr gewesen. Trotzdem sehenswert.
„Die Ratten" | R: Volker Lösch | 27.12., 7.1., 10.1., 18.1. (18 Uhr), 23.1. 19.30 Uhr | Düsseldorfer Schauspielhaus | 0211 852 37 10
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