Seit einigen Jahren ist sie Sprecherin der Bochumer Literaten und als solche eine unermüdliche Netzwerkerin für humanistische Ideale: Die 1941 geborene Heide Rieck blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück, dessen oft einschneidende Wendungen sie tief geprägt haben. Ihre Erinnerungen beginnen dramatisch wie viele Schicksale von Kriegskindern: „Nach der Flucht 1944 aus dem brennenden Stettin, heute Szczecin in Polen, war meine 32jährige Mutter mit ihren 4 Kindern und einer Kinderfrau mehrere Monate lang in einem Stall auf einem von sowjetischen Soldaten besetzten Gut bei Berlin gefangen; der Gutsverwalter, mein Großonkel, wurde nach Sibirien verschleppt, seine Frau starb zwei Wochen darauf, unsere Kinderfrau wurde wahnsinnig.“ Die Mutter war Schauspielerin, und es war ein jüdischer Schauspielerkollege, der der Familie die Flucht aus dem Osten nach Krefeld ermöglichte. Doch am dortigen Theater aufzutreten, untersagt der Vater der Mutter. 1951 zieht die Familie in eine Flüchtlingssiedlung am Rande der Stadt. Ihren Vater erlebt Heide Rieck als einen fremden, vom Krieg zerstörten Mann, der ständig auf Arbeitssuche ist. Inmitten von Krankheit und Armut betrachtet sie ein altes Damenfahrrad, das sie für die Fahrt zum Gymnasium erhielt, als erste Freiheit. „Einsam bin ich durch Felder und Wälder mit dem Rad an den rettenden Rhein gefahren, habe dort Gedichte verfasst“, erinnert sie sich und beschreibt, wie Sprachkultur in den Haushalt zurückkehrt. „Ich habe Theaterstücke im Radio gehört, Mutter erzählte von ihrer Zeit auf der Bühne, rezitierte, deklamierte. Irgendwann gab es im Haushalt wieder ein Buch; mit 12 erhielt ich eine Schiller-Gesamtausgabe. Ich habe viel auswendig gelernt. Eigene Gedichtzyklen entstanden nach Erschütterungen.“
Zwischen Schule und Theater
Von solchen Erschütterungen soll das Leben noch einige bereit halten, so erkrankt ein Jahr vor Heide Riecks Abitur die ältere Schwester schwer: „Kriegserlebnisse stiegen aus ihrem Unterbewussten, und mir wurde klar, dass wir alle durch die Naziideologie und ihre Verbrechen, deren ungeheures Ausmaß ich unter dem Tabu des Schweigens nur ahnte, krank geworden sind, und immatrikulierte mich an der Pädagogischen Hochschule in Köln. Ich war eine Weltverbesserin mit dem Traum von der Befreiung und Heilung des Kindes.“ Neben dem Studium gründet sie eine Studentenbühne, führt Regie und bringt ein erstes Theaterstück zur Aufführung. Der Sog zum Theater wächst, und Heide Rieck wird an der Schauspielschule des Keller-Theaters in Köln aufgenommen. Das Schulgeld hierfür verdient sie sich mit Putzen, Märchenerzählen und Pantomime – was sie übrigens bei Jürgen Flimm erlernte, wie sie nicht ohne Stolz anmerkt.
Nach dem Staatsexamen folgt die Versetzung ins Ruhrgebiet, was für die junge Frau zunächst ein Kulturschock ist: „Alles war fremd. Die Sprache. Körpersprache. Puls der Stadtlandschaft. Fluss statt Strom.“ Die Lektüre von Else Lasker-Schüler verändert auch Heide Riecks Gedichte.
1964 schafft Heide Rieck die Eignungsprüfung für Schauspiel an der Folkwang-Hochschule Essen, doch die besorgte Mutter interveniert und verwehrt ihr die Verwirklichung des großen Traums, was Depressionen zur Folge hat. Als sie schließlich schwanger wird, trifft sie die Entscheidung für „das Kind“ und somit ihren erlernten Beruf – nicht ohne Schultheater auf die Beine zu stellen und Schüler eigene Stücke entwickeln zu lassen.
Die Literatur bleibt auch in 35 Jahren Pädagogik ihr steter Begleiter. 1988 ist sie Preisträgerin bei „Lyrik im Pott“, ein Theaterstück ist 1989 erschienen, ebenso einige Gedichte in Zeitschriften. 1999 kauft sie sich einen Computer und wagt sich auch an Prosa – sechs bis acht Stunden pro Tag. Sie reizt das „Abenteuer Sprache“. Egal, ob in Lyrik oder Prosa, Heide Rieck erhebt selbstbewusst ihre Stimme und bezieht politisch Stellung: „Nicht allein die Nazizeit hat ihre Schatten über meine Kindheit und Jugend geworfen und mich für mein weiteres Leben politisiert, sondern auch die Liebe zur Kunst und Literatur, die geistige Ebene, die das Leben weitet und zum Leuchten bringt.“
Vom inneren Widerstand
Als sie mit ungefähr 30 Jahren vom Schicksal eines italienischen Maurers in Köln und Dresden hört, ist sie zunächst stumm vor Scham, Entsetzen und Mitleid – über Zwangsarbeit weiß sie zu dem Zeitpunkt noch nichts. Es soll noch viele Jahre dauern, bis sie den Impuls verspürt, mit dem Band „Doch seht wir leben“ ein ambitioniertes Projekt zur Zwangsarbeit als Herausgeberin zu betreuen: „Meine erste persönliche Begegnung mit ehemaligen Zwangsarbeitern auf dem Hauptfriedhof 2001 erschütterte mich zutiefst, ich lud in meine Wohnung ein. Es kamen ein Maler, eine Dichterin und ein Übersetzer. Wir sprachen über Kunst, über ihr Schicksal unterm Hakenkreuz, ich trug die Gedichte vor, die ich in der Nacht zuvor geschrieben hatte. Da entstand die Idee zu einem russisch-deutschen Buch. Mit welcher Kraft hatten diese Menschen ihre Schreckenszeit überleben können? – Weil ich selbst in Not immer Gedichte geschrieben habe, suchte ich nach literarischen und künstlerischen Zeugnissen ehemaliger Zwangsarbeiter.“ Nach drei Jahren Recherche und Übersetzungen erscheint das Buch schließlich in sieben Sprachen – und die Autorin reist ein Jahr lang mit dem Buch in die Länder, aus denen sie Texte erhalten hat, um die Opfer zu „rehabilitieren“. Die Lesereise führt sie bis nach Mexiko und Seoul.
Vom Bürgerfunk zur Autorengruppe
Und wie ist die engagierte Frau zur Sprecherin der Bochumer Literaten geworden? „2006 wollte ich meinen ersten Prosaband im Funk vorstellen und erfuhr von der Gruppe „Literatur in Bochum“. Dort traf ich Michael Starcke, Friedrich Grotjahn, Rainer Küster und andere. Als der Bürgerfunk schloss, weil die Fördermittel gestrichen wurden, beschlossen die genannten Autoren mit mir, eine Gruppe zu bilden, die sich allmonatlich zu Gesprächen trifft; vielleicht weil ich beim Kulturamt um einem geeigneten öffentlichen Raum angefragt hatte, ernannten die Kollegen mich zur Sprecherin – oder weil ich die einzige Frau war?“, mutmaßt Heide Rieck. Seitdem ist die Gruppe kontinuierlich gewachsen. „Inzwischen sind wir 12 und schreiben recht unterschiedlich. Durch meine Arbeit mit Kindern habe ich gelernt, dass man für Gruppenprozesse viel Geduld braucht, zumal der Altersunterschied groß ist. Manchmal müssen Themen immer wieder aufgegriffen werden – bis man am Ende ein Resultat hat, mit dem jeder gut leben kann. Wichtig ist der Respekt vor dem anderen und seinem Werk. So ergeben sich wie von selbst Hilfeleistungen.“ Als nächstes großes Projekt steht die Beteiligung an den Bochumer Shakespeare-Tagen 2014 auf dem Programm.
Heide Rieck: „Aber die Schatten…“ (Roman) I Geest Verlag I 17,50 Euro
Lesung und Gespräch: Mi 5.6. 19.30 Uhr I Medienforum des Bistums Essen
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