„Orest“
Foto: Martin Kaufhold

Wenn Götter irren

25. September 2014

„Orest“ am Prinz Regent Theater – Theater Ruhr 10/14

Laut stampfen die Atriden die mächtige weiße Treppe hinab ins kleine Colosseum des Prinz-Regent Theaters. Der letzte trägt eine Axt. Es ist Orest. Sohn des Agamemnon und auf seinem Rachefeldzug. Theaterchefin Sibylle Broll-Pape inszeniert in ihrer letzten Saison in Bochum die Bearbeitung des antiken Stoffes von John von Düffel. Der hat Sophokles’, Aischylos’ und Euripides’ Epen vom Göttermüll befreit und in „Orest“ auf den Kern geschält. Mit einer klaren Dramaturgie, schlichten visuellen Bildern und einer gekonnten Choreografie schafft sie eine exzellente konzentrierte Analyse eines Fluchs, der im Massenmord kulminiert, obwohl Schuld und Vergeltung, Ursache und Wirkung keineswegs eindeutig sind. Dabei schafft es von Düffels Sprache den Geist der Antike lebendig zu halten, die Regie im Prinz Regent Theater mit wenigen Mitteln die Zeit so zu verwischen, dass selbst die Kriegsvideos aus aktuellen Brennpunkten am Schluss und Menelaos’ Handy absolut folgerichtig erscheinen.

Wer die Macht hat darf alles. Elektras Interpretation des Königsmords an ihrem Vater ist aus ihrer Sicht erst einmal stringent. Und doch, die allein auf Rache fixierte Tochter des großen Troja-Bezwingers Agamemnon kann nicht mehr reflektieren, die Vergeltung wird zur Manie, der Bruder zum Handlanger. Jetzt können Alexander Ritter und Magdalena alles geben. Doch den Vater, dem Elektra nachtrauert, hat es wohl so nie gegeben. Macht korrumpiert, die Götter auch. Das zumindest versucht Mutter Klytaimnestra ihr vergeblich und ohne Reue zu zeigen zu vermitteln, wirft die (vermeintliche) Opferung von Tochter Iphignie, ihre eigene Unterdrückung und die Knechtung des Volkes in die Wagschale, doch die rhetorisch abgebrühte Elektra bleibt unbeirrbar. Das Blutopfer wird existenziell und, als Bruder Orest tatsächlich auftaucht, auch Realität, obwohl dieser beim Muttermord zaudert und an diesem zerbricht. Die Vergeltung wird zum Desaster. Ein antiker Blutrausch, ein Amoklauf unter Verwandten ist zu Ende. Ein konzentrierter Abend vor blutbeschmierten Papierbahnen, der das echte Schauspiel an sich feiert.

„Orest“ | R: Sibylle Broll-Pape | Fr 3.10., Sa 4.10., Fr 31.10. 19 Uhr | Prinz Regent Theater | 0234 77 11 17

PETER ORTMANN

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