„Wir lassen uns nicht unterkriegen“

17. September 2012

Afrikanischer Perfomance-Künstler im Bahnhof Langendreer - Literatur 09/12

Ein bisschen holprig klingt es schon, als Chirikure Chirikure das erste Gedicht „Schwarze Kneipen“ auf Deutsch vorträgt. Seine beherzte Darbietung zaubert aber eher ein Lächeln als ein Stirnrunzeln in die Gesichter der Zuhörer. Lesen und Schreiben gehört seit jeher zu seiner Alltagskultur, aber erst an der Universität entdeckt er seine kreative Ader. An diesem Donnerstagabend liest er aus seinem Band „Aussicht auf eigene Schatten.“ Die dreisprachige Ausgabe ist auf Deutsch, Englisch und Shona erhältlich. Nicht weiter verwunderlich, dass es auch bei dieser Lesung dreisprachig zugeht. Shona dürften allerdings die wenigsten Anwesenden verstanden haben. Den Anderen blieb nichts anderes übrig, als den lieblichen aber fremden Klang der Sprache zu lauschen und die Gedanken schweifen zu lassen.

Chirikure Chirikures Lyrik kommt gesellschaftskritisch daher. Er schreibt an gegen Korruption, gegen Gewalt und Armut, obwohl es schwierig sei, „gegen die Repressalien vorzugehen.“ Aber der Sohn eines Akademikerpaars - der Vater Rektor, die Mutter Lehrerin – ist mit seiner Meinung nicht allein: „Es gibt eine sehr lebendige, junge, kritische Szene. Nicht jeder Kreative hat einen Verlag, aber viele stellen ihre Performances ins Internet.“

Der Autor und sein Land

Trotzdem werde auch Druck seitens der Regierung ausgeübt. Chirikure Chirikure findet trotz mehrmaligen Exils dennoch klare Worte für die ärmlichen Lebensbedingungen in seinem Heimatland. An diesem Abend geht es um Lyrik, aber immer wieder auch um Zimbabwe. Sie befruchten sich gegenseitig, der Autor und sein Land. Eine Chirikure-Chirikure-Performance ist ohne seine Geschichte nicht denkbar, speist er doch aus ihr allerlei Visionen und Ziele. Und aus einem Land, dass noch immer von seinen postkolonialen Strukturen geprägt ist und in dem Robert Mugabe die Geschicke seines Volkes lenkt.

Seinen Humor hat Chirikure-Chirikure niemals verloren. So erzählt er eine Anekdote, die sich auf einer Timbuktu-Reise, einer Oasenstadt, ereignete. Nach einem Monat Eier-Entzug beschwert er sich beim Hotelier: Es sei schwierig, Hühner in der Wüste zu halten, antwortete dieser. Eine Lieferung aus der Nachbarstadt erwies sich als Problemlösung: „Wir haben dann eine Eier-Party gefeiert“, sagt Chirikure Chirikure nicht ohne süffisanten Unterton. Entstanden ist so sein Gedicht „Chicken and eggs“.

Von der Faust zur Bombe

Im zweiten Teil seiner Poetry-Performance verlegt sich Chirikure Chirikure vom Lesen aufs Performanen. Vollkommen unbefangen bewegt er sich auf der Bühne, tippelt von einem Bein auf das Andere. Zu den von Joram Tarussarira vorgetragenen Melodien auf dem Daumenklavier singt er mal auf Englisch, mal auf Shona. Eines seiner auf Shona vorgetragenen Performance-Gedichte handelt von einer Bombe. Selbst der unkundige Zuhörer versteht immer wieder das rotzig vorgetragene Wort „bhomba“. Chirikure Chirikure packt sich an den Kopf, gestikuliert, stampft auf, immer und immer wieder.

Im anschließenden Gespräch erfährt das Auditorium mehr. In der Entwicklung von Waffen war die Menschheit schon jeher sehr effizient und technisch versiert. War es einst die Faust, die man seinem Gegner ins Gesicht schlug, so ist es jetzt die Bombe, mit der man Millionen Menschen das Leben nehmen kann. „Natürlich gibt es immer wieder Probleme mit den Behörden oder der Polizei. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen“, gibt er dem Publikum mit auf den Heimweg.

Anke-Elisabeth Schoen

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