Instrumente des Ausdrucksvermögens
Foto: Dominik Lenze

Zarte Musikerhände greifen zum Stift

26. November 2015

Musiker-Literatur zwischen ernsthaftem Anspruch und schnöder Geldmacherei – Popkultur in NRW 12/15

Ein Musikjahr neigt sich dem Ende, in dem eines aufgefallen ist: Viele Musiker toben sich auch abseits ihrer Songtexte literarisch aus. Allen voran: Tomte-Frontmann Thees Uhlmann mit seinem viel beachteten Romandebut „Sophia, der Tod und Ich“: Die herzige Geschichte vom Sensemann, der das Leben kennen lernen will, rührte gar FAZ-Feuilletonisten und wurde selbstredend auch in Musik- und Szenepresse gefeiert. Die Hamburger Schule wagt sich in die Literatur, Uhlmanns Kollege Jochen Distelmeyer (Blumfeld) hat es Anfang des Jahres mit seinem Prosa-Erstling vorgemacht. Der Berlinroman „Otis“ wurde von Kritik und Publikum jedoch mit gemischten Gefühlen aufgenommen: „Nichtssagendes Gefasel“, sagen die einen, „Danke, Jochen“, schreibt Spiegel Online.

Trotz literarischer Vorerfahrung im eigenen Metier ist es immer ein Wagnis, sich nun an der vermeintlich höheren Kunstform des Romans zu versuchen. Aber wer, wie Uhlmann und Distelmeyer, viel auf dem Herzen, viel zu erzählen hat, sehnt sich nach Freiraum – mehr Freiraum, als ein Songtext mit all seinen kulturindustriellen Dogmen bieten kann.

Was zu erzählen hat definitiv auch ein anderer Musiker-Autor, der in diesem Jahr veröffentlichte: Xatar, seines Zeichens Gangsterrapper, Sohn eines kurdischen Komponisten und Goldräuber: Das Musikgeschäft stagniert, und so entschlossen sich Xatar und Kumpanen als Polizisten verkleidet einen Goldtransporter zu entwenden – eine Scharade, bei der niemand körperlich verletzt wurde, Legendenbildung vorprogrammiert. Nach Gerichtsverhandlung und abgesessener Haftstrafe wurde diese Legende nun auf Papier gebannt, in seinem Buch: „Alles oder Nix: Bei uns sagt man, die Welt gehört dir.“

Klar, wenn sich abseits der Musik solche Wild-West-Geschichten ergeben, liegt die Idee, ein Buch zu schreiben, nicht fern. Aber neben streitbarer (und deshalb spannender) Biografie und/oder ernsthaftem künstlerischem Anspruch, gibt es natürlich noch den einen großen Grund zu schreiben: Der ebenso schöne wie schnöde Mammon: Man denke an Till Lindemann, Phallus im Bandkörper von Rammstein, der in diesem Jahr die Gesamtausgabe seines lyrischen Schaffens unters Volk brachte: Abgesehen davon, dass er die Gedichte bereits in seinen beiden vorigen Bänden veröffentlicht hat, bekommt der Leser hier nichts geboten, was er nicht schon so oder sehr ähnlich in den Texten der Band vernommen hat – bloß, dass die brachialen Texte ohne die brachiale Musik einen bemerkenswerten Teil ihrer Wirkung einbüßen.

Oder ein anderes Beispiel: „Easy does it: Cro, die Maske und der ganze Rest“. Wen interessiert bitte die Geschichte eines Ex-Grafikers, der nun sein Geld mit mittelständischer Rapmusik und McDonalds-Werbung verdient?

Besser, der literarisch ambitionierte Musiker emanzipiert sein Schriftsteller-Ich komplett von seiner Musiker-Persönlichkeit, wie es auch Uhlmann und Otis tun. Der Blick in die Vergangenheit belegt das, Stichwort: Sven Regener. Der Element of Crime-Sänger hat schließlich mit „Herr Lehmann“ einen jungen Klassiker geschrieben, in dem Musik nicht einmal als Motiv eine wichtige Rolle spielt, geschweige denn seine eigene.

Dominik Lenze

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