Ein stets entspannter Matthias Reuter.
Foto: Presse

Zwischen Bier, Lyric und Tom Waits

05. Juli 2012

Matthias Reuter lud ins Oberhausener Falstaff zum Bier- und Leseabend – Literatur 07/12

Essenziell: Eine feierabendlich lockere Atmosphäre, erzeugt durch eine einfach gestaltete, heimisch wirkende Bühne, einen günstigen Bierpreis und zeitlich begrenzte Raucherlaubnis. Im Zentrum stehen der Wohlfühlfaktor und die Nähe zum Publikum. Kurz: Es soll einfach ein netter, ungezwungener Abend werden.

Entsprechend gemütlich ging es dann auch zu am gestrigen 4. Juli in der Oberhausener Theaterkneipe Falstaff. Schon kurz nach Einlass, beim Hinaufsteigen der Restauranttreppen -Richtung Kneipenbereich, vernahm man die live von Gastgeber Matthias Reuter für das Publikum gespielte „Einlaufmusik“. Gut 15 von Sonnenstrahlen verwöhnte Menschen sollten an diesem Abend in den Genuss dieser saloonartigen Klavierklänge kommen. „Immerhin schon mehr Zuschauer als gestern in Dinslaken“, witzelte Reuter und schloss vorsorglich Frieden mit den noch unbesetzten vier aufgebauten Sitzreihen: „Kein Problem. Die leeren Stühle lachen mich aufmunternd an“. Mit kalkulierter zehnminütiger Verspätung und weiteren zehn bier-und zuhörwilligen Zuschauern startete das dann doch recht lauschig gefüllte Falstaff um kurz nach 20 Uhr in seinen Leseabend.

Zum warm werden erklärte Reuter in Form eines Gedichts, wie chinesischer Humor (nicht) funktioniert, um dann schnell zu seiner Paradedisziplin zu gelangen und auf dem Klavier die Phrase „Wir versichern unser Bestes zu tun“ als fast schon rhetorisch zu entlarven. Der Zweitligaspieler mit Fußballschuhen und der Eishockeytrainer von Kamerun versichern ihr Bestes zu tun. Die Kanzlerin beteuert ebenfalls, doch „sie lässt es stets auf sich beruhen“. Kurz darauf findet sich das bunt gemischte Publikum zum Muttertag in einem Linienbus wieder, in welchem sich Frau “Zipfler“ auf dem Weg zur Großmutter mit sich selbst und ihrer pädagogischen Kompetenz, einem Afrikaner aus Ennepe und dem eigenen eingestaubten Schulenglisch herumschlagen muss. Erkenntnisse dieser wundervoll aus dem Leben erzählten Geschichte: Reuter ist ein meisterhafter Imitator des Alltags und kannibalische Klischees über Menschen mit dunkler Hautfarbe können, gezielt eingesetzt, zur Überwindung einer generationenübergreifenden Familienkrise führen. Die Lachmuskeln sind gelockert und Matthias Reuter widmete sich fortan dem temporären Biertrinken. Zeit für einen Tapetenwechsel.

Das Seelenleben eines Fußballfans

Marko Jonas Jahn, Autor, Poetryslammer und Wuschelkopfbesitzer, hat eben jenen Tapetenwechsel hinter sich. Von Oberhausen, der Stadt mit den 52st zufriedensten Bürgern über Düsseldorf nach Mönchengladbach, der Stadt mit den 61st zufriedensten Bürgern, ist der 35-Jährige gezogen. Auf dem Papier bedeutet das einen sozialen Abstieg. In der Realität einen Rückgewinn von Lebensqualität. Denn heute schreien keine hochschwangeren Nachbarn mehr ihre aufmüpfigen „Kevins“ zusammen. Nach jenem „lyrischen Nachbarsquickie“ erfahren wir, wie sich eingefleischte Fußballfans auf Ballettaufführungen vorbereiten, während parallel die Fußball Europameisterschaft in vollem Gange ist. Man verschiebt den ersten Termin aufgrund eines Deutschlandspiels gegen die niederländischen Nachbarn und steht vor dem schier unlösbaren Problem der angemessenen Garderobenfindung, um dann während und nach der Aufführung festzustellen, dass selbst das bisher beste Spiel zwischen Schweden und England nicht so aufregend gewesen sein kann wie jenes Shakespeare-Ballett . Auch die Frage, ob Jahn nun ein Image als „prolliger Poet“ oder als “poetischer Prolet“ nach außen zu transportieren hat, ist angesichts solch dargebotener Bewegungswunder völlig irrelevant.

Das Seelenleben des Autors wird mit dem letzten Text „verschiedene Welten“ nach außen gekehrt. Der Ausweis als elektronisch ablesbare Lebensgeschichte? Tätowierungen als Sünde? Elitepartner.de als Beziehungszukunft arbeitsloser Akademiker? Nicht mit Jonas Jahn. Er würde eher den volltätowierten Allerwertesten als Passbildmotiv nutzen, Partneranzeigen mit dem eingängigen Slogan „Maurer, 42, geht gern Yuppies klatschen“ aufgeben und seine Liebe den schlecht tätowierten Spielern von Borussia Mönchengladbach gestehen. Eine im “jahnschen“ Eiltempo gewonnene, sympathische Erkenntnis.

„Sie redet von Gender, er hat nen Ständer“. Ein Phänomen, welches der in Chicago geborene und in Berlin lebende Martin Betz als dritter Autor des Abends angesichts der neuen Gender-Studies beobachtet hat. Fortan widmet sich der Neuköllner Themen wie dem Für- und Wider von Biofleisch, der Sinnhaftigkeit von Unterscheidungen zwischen Damen- und Frauenrädern im Prenzlauer Berg und dem Zeugen von Kindern als eigene Altersvorsorge. Dabei bedient er sich mal der Lyrik, mal der von starken Betonungen geprägten Geschichte und zeitweise sogar dem eigenwilligen Gesang. Nach einem hoch sarkastischen Loblied auf den Generationenvertrag wird das Publikum mit einer fast schon manisch-detailliert skizzierten Beziehung zwischen Mensch, Kaffeemaschine und Latte Macchiato in Reuters Klagelied zu Ehren von FDP-Politiker Christian Lindner und schließlich in die Pause vor der Zugabe entlassen.

Abwechslungsreiche Zugabe

„Wie man sieht, kann ich essen, aber unsere Autoren haben Hunger“. Eine klare Aufforderung des Gastgebers doch bitte nun die große Öffnung des Spendenhutes zu nutzen. Gesagt, getan. Zeit für Zugaben. Reuther entpuppt sich als großer Fan von Oberhausens Schlagerparty „Oberhausen Olé“, Jahn bittet die Rentenversicherung ihn doch bitte nicht mehr mit einschüchternden Drohbriefen, seine quasi nicht vorhandene Altersvorsorge betreffend, zu belästigen und Martin Betz spielt mit einem „weißen“ Kinderklavier ein Loblied auf die Vielseitigkeit des menschlichen Mundes – ein skurriles Vergnügen. Alex Marode, der Reuter schon im Laufe des Abends mit seiner Mundharmonika unterstützte, zupfte zum runden Abschluss des Abends auf der Akustikgitarre Tom Waits‘ „Downtown Train“ und „Hotel California“ der „Eagles“ und durfte sich über ein recht textsicheres Publikum freuen.

Unter dem sprichwörtlichen Strich steht: viel Abwechslung, leckeres Bier, gut gestimmtes Publikum, stets sehr humorvolle, hoch zynische, sympathische Autoren und ein souveräner Gastgeber - ein netter, ungezwungener Abend. Ziel erreicht.

Benjamin Knoll

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