„Die Odyssee“
Foto: © Thilo Beu

Zyklop auf Hartz IV

25. September 2014

Volker Lösch inszeniert „Die Odyssee“ am Theater Essen – Theater Ruhr 10/14

Wer sich einen Volker-Lösch-Abend verabreicht, muss vorher nie seinen Arzt oder Apotheker fragen. Die Nebenwirkungen sind bekannt. Knallige Gegenwartsbezüge, drastische Simplifizierungen, zugespitztes dokumentarisches Material gehören zu den Rezepturen seiner Inszenierungen. So ist auch der Untertitel „Lustig ist das Zigeunerleben“, den Lösch seiner Essener Interpretation des „Odyssee“-Epos’ verpasst, nicht auf die Irrfahrten des Odysseus anzuwenden, sondern deutet ironisch ins Konkrete: Es geht an diesem Abend um Roma und Sinti.

Doch der Reihe nach. Auf der Bühne im Grillo-Theater gibt sich eine weißgekleidete Sechser-Truppe mit Blondhaarperücke an einer Tafel auf der Vorbühne die zivilisierte Kante mit Rotwein und Steak. Odysseus samt Gefährten und Göttern pflegen ihr distinguiertes Hochkultursyndrom. Sie schwadronieren mit aufgeplustertem Hochmut und werden seekrank, wenn es auf große Fahrt geht. Die sechs Schauspieler agieren meist als Chor, übernehmen aber auch abwechseln die Rolle des Odysseus oder der Götter. Die Stationen der Odyssee, also die Begegnungen mit dem Zyklopen Polyphem, den Lothophagen oder der Zauberin Kirke, sind in ein aufgeschnittenes Haus im Hintergrund verlagert. Verkörpert werden die irrational-triebhaften Wesen von sechs Roma- und Sinti-Schauspielern. Eine durchaus problematische Setzung, doch Lösch deutet Polyphem & Co. als rassistische antiziganistische Projektionen. Vulgo: Als Klischees, die die Odysseus-Truppe, also wir, den Roma überstülpt. Der Zyklop ist demgemäß ein fetter, fernsehglotzender Hartz-IV-Prolet in einem schäbigen Haus in Südeuropa; die vegetarischen Lothophagen sind arbeitsscheue freakige Bio-Hippies, die Laistrygonen eine verkitschte Balkantruppe im Goldlamé-Pailletten-Rüschenhemd-Glitzer-Look.

Lösch deutet den Odysseus-Mythos als Etablierung des bürgerlichen Subjekts, das mit Hilfe von Rationalität, List, Triebverzicht, Hierarchie, Patriarchat seine Macht etabliert. Der griechische Held und seine Kumpane werden darüber zu Witzfiguren zivilisatorischer Selbstdomestikation. Dass sie weitgehend an den Rand rücken, liegt daran, dass Lösch noch eine dritte Ebene einzieht: Die Roma-Schauspieler treten immer wieder aus ihrer Rolle heraus und prangern in individuellen Stellungnahmen, die in Essen und Umgebung gesammelt wurden, den Rassismus an, unter dem sie zu leiden haben. Da ist von Kinderarbeit die Rede, von Drangsalierung, aber vom Paternalismus der Roma, sowie von einem eigenen Staat. Tief berührend die Szene, wenn Odysseus in die Unterwelt hinabsteigt und dort auf die Namen von im KZ ermordeten Essener Roma trifft. Es bleibt allerdings ein Grundwiderspruch. So gibt die Inszenierung letztlich exakt das der Lächerlichkeit preis, woran die Roma endlich vorbehaltlos teilhaben wollen. Löschs Inszenierung hat durchaus ihre überzeugenden Momente, bleibt aber in ihrer vorbehaltlosen Parteinahme zu einseitig und letztlich inkonsequent.

„Die Odyssee“ | R: Volker Lösch | Fr 10.10. 19.30 Uhr, So 19.10. 16 Uhr | Theater Essen | 0201 81 22 200

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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