Möbelstücke in einer Halle erzeugen bei mir immer sofort Assoziationen von gut gemeinten Spendenorgien nach vorhersehbaren Hochwasserkatastrophen. Im Essener Folkwang-Museum ist das nicht anders, wenn dort auch das Sportplatz-Sammelsurium „The Happy End of Franz Kafka’s ‚Amerika‘“ (1994) heißt und vom einstigen Enfant terrible der Künstlerwelt Martin Kippenberger stammt. Die Installation ist eine kuriose wichtige Arbeit des echten Ruhrstadt-Kindes (geboren in Dortmund, aufgewachsen in Essen, „Kneipe“ in Berlin), der 1997 in Wien zu früh verstarb, gesehen hat man sie in NRW zuletzt in Düsseldorf – allerdings vor 15 Jahren.
Also hinein in die White Cube Turnhalle. Mein erster Blick sucht immer zuerst den durchsichtigen Plastiksessel aus den 1970ern und kann überhaupt nicht glauben, dass der immer noch fast stramm da rumsteht. Meiner kam damals aus der Kaufhalle und hielt keine sechs Wochen. Hier ist er Teil einer Installation, die hypothetisch faktisch eine letzte Szene an Kafkas Romanfragment anlehnt, in dem der junge Auswanderer Karl Roßmann am Ende ein Werbeplakat findet mit dem Aufruf: „Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich!“ Viele werden sich nun auf der vereinbarten Pferderennbahn bewerben wollen, nicht für bildende Kunst, sondern für den Zirkus. Egal Kippenberger schafft schon mal Interieur für etwaige Bewerbungsgespräche, rund 50 sind es, dazwischen auch mal nur ein Schwerlast-Stapel „heiliger“ Pressspanplatten, über die 1987 in Köln vielleicht ein Papst geschritten, oder schon damals nur seine Kindesmisshandler.
Stil durch Stillosigkeit
Kippenberger hat jahrelang an dem Werk gearbeitet, dass auch Möbelstücke aus der Essener Villa Hügel enthält. 1996 hat er dort sein Projekt „Vergessene Einrichtungsprobleme in der Villa Hügel“ realisiert, heute ist das Prunkstück der einstigen Krupp-Dynastie die zweite Anlaufstelle für Kippenberger-Jünger in Essen. Seine wunderbaren Künstlerbücher und Schriften spiegeln dort die historischen Bücherwände der Stahlbaron-Bibliothek. Stillos ist das nicht. „Einen eigenen Stil finden, daran hat es bei mir gehapert, bis mir auffiel, dass stillos zu sein, auch ein Stil ist, und den habe ich dann verfolgt“, sagte einst der Meister, dessen teils aberwitzigen Plakate heute von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung fürs Deutsche Plakatmuseum im Museum Folkwang mitfinanziert werden.
Huschen wir noch einmal durch die mit Sound der 1980er beschallte Halle. Hier finden sich Videoarbeiten von Tony Oursler, ein nachgebauter Tisch an dem Robert Musil seinen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ geschrieben haben soll, ein weiterer Nachbau historischer Möbel ist der Verkaufstisch der 1886 eingeweihten Athener Markthalle, den Ulrich Strothjohann nach Fotos rekonstruierte, nachdem beide die einst antike Hauptstadt unsicher gemacht hatten. Mehr sollte man hier auch nicht ins möblierte Detail gehen, reisen Sie einfach nach Essen, Kippi lohnt sich immer. Nur die Bewerbungsfrist ist abgelaufen.
2x KIPPENBERGER | vorauss. bis 16.5. | Museum Folkwang Essen
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