Die Ausstellung „Die Anfänge: Radical Innovations“ zum 75-jährigen Bestehen der Kunsthalle Recklinghausen zeigt insbesondere Werke wiederentdeckter Künstlerinnen, die in der Anfangszeit des Museums zu Gast waren. Ein Gespräch mit Leiter Nico Anklam.
trailer: Herr Anklam, auf dem grünen Hügel hieß es vor gut 50 Jahren „Kunst für Kohle“. Die Devise für die Museen an Rhein und Ruhr müsste heute ja eher „Kohle für Kunst“ lauten. War das damals besser?
Nico Anklam: Gute Frage. Besser oder schlechter, ich weiß es nicht, es war anders. Die Botschaft lautet aber immer: Für Kunst und Kultur braucht es Geld, denn Kunst und Kultur sind nicht nur Klebstoff, sondern auch Motor für eine Gesellschaft – und das war auch damals schon klar. Wenn wir uns heute die aktuellen Wahlergebnisse anschauen, dann wird Kulturförderung, die ja auch immer etwas zurückgibt in die Gesellschaft hinein, noch wichtiger. Die Anfänge der Kunsthalle in Recklinghausen zeigen ja auch, dass das Ruhrgebiet damals auch Motor war für neue Ausstellungen, die anschließend richtungsweisend für die ganze Welt waren.

Im Mai 1950 eröffnete das städtische Museum Kunsthalle Recklinghausen – und das ausgerechnet in einem Bunker?
Ja gerade in einem Bunker. Wie bezeichnender könnte es sein, dass die Geschichte städtischer Museen nach einem Krieg in einem neuen Format in einem 2. Weltkriegsbunker weitergeführt wird und die ihre erste Schau begann, in der sie deutsche und französische Kunst zusammenbrachte. Wir sind es heute gewöhnt in unserem bequemen Europa, für diejenigen, die Teil davon sind, das man über Grenzen zumeist einfach hinüber fahren kann, das war in den Anfängen der Kunstschau ja noch nicht gegeben. Deshalb wollen wir heute diese Grenzen immer weiter abbauen, ideell und tatsächlich.
Damals waren die ersten Ausstellungen im Bunker wohl noch ohne viel Licht?
Nein gar nicht! Die Fenster waren schon reingeschnitten. Und deshalb war es eher umgekehrt. Am Anfang wurde mit viel Licht gearbeitet. Und mir war es zu meinem Amtsantritt sehr wichtig, dass wir alle Fenster und alle Türen aufgemacht haben, damit die Kunst rausschauen kann, konservatorische Bedingungen wurden da natürlich beachtet. In der Jubiläumsausstellung haben wir ein Vorhangkonzept der ersten Ausstellung wieder aufleben lassen, aber auch die war natürlich lichtdurchflutet, denn es war eben eine Kunsthalle, die einmal ein Bunker war.
Was werden die Besucher:innen zu sehen bekommen? Es soll ja wohl nichts verstaubt sein?
Im Gegenteil. Kein Staub, aber ganz viel Frisches. Dabei ist zu wissen und ganz wichtig, dass noch vor der Documenta in Kassel hier Ausstellungsformate probiert wurden, die wegweisend waren.Die Schau basiert auch auf Archivmaterial, das im Rahmen des Forschungsvolontariats NRW von der Wissenschaftlerin Lara Müller gesichtet wurde, und die eine Vielzahl an Ausstellungsdisplays wiederentdeckte. Man wird die Frische und die Zeitlosigkeit ab Dezember sehen können, darunter vieles, was danach übersehen, vielleicht sogar vergessen wurde.
Die Ausstellung scheint geschlechterparitätisch zu sein. Was sind das für „wiederentdeckte Positionen weiblich gelesener Künstlerinnen, die bereits in den 1950er Jahren in der Kunsthalle zu Gast waren“?
Uns war wichtig, dass wir vor allen Dingen auch Künstlerinnen zeigen, es sind ja auch einige der ganz wichtigen männlichen Positionen dabei, aber eben auch, dass ganz viele wegweisende Künstlerinnen in den 1950er Jahren hier und auch international zu sehen waren,Lynne Chadwick, Sandra Blow bis Claire Falkenstein zum Beispiel, einige aus der Zeit vor dem Faschismus sind heute weltweit in den Museen vertreten und wurden hier zu Beginn gezeigt. Wir wollen ihnen die Bühne wiedergeben, die sie hier hatten und die ihnen auch gebührt, dazuden längst überfälligen Einzug dieser Künstlerinnen in den Kanon der Nachkriegskunstgeschichte. All diese Impulse kommen von Lara Müllers Forschung bei uns am Haus, und so konnte in Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Kerstin-Weber Baumann eine ganz wichtige Ausstellung zusammengetragen werden.
„Mensch und Form“ (1952, Ruhrfestspiele), Archivmaterial, Kunsthalle Recklinghausen, Ausstellungsansichten 1950 - 1959, Lara MüllerWie ist das Ausstellungsdesign? Oldschool, also mit radikalen Innovationen?
Wenn mit Oldschool das Design der 1950er Jahre gemeint ist, dann stimmt das. Das war radikal neu. Wir haben ein Ausstellungsdisplay wieder aufleben lassen, das unsere Tischlerinnen und Tischler bei uns im Haus gebaut haben und das so anders Bilder gezeigt hat, das es wegweisend für viele Ausstellungen danach war, und das in der ursprünglichen Form seit einem dreiviertel Jahrhundert nicht mehr zu sehen war.
Hat die Ausstellung auch eine eigene Dramaturgie?
Absolut. Wir versuchen immer quer durch die Etagen, also von unten nach oben, eine Dramaturgie für die Besuchenden, mal offensichtlicher, mal subtiler zum Mitdenken. Es geht aber vor allen Dingen darum, dass die Ausstellungsräume heute erfahrbar werden, wie sie vor 75 Jahren gewesen sind. Natürlich haben wir aktualisiert, was das für 2025 bedeutet und wie wir von da aus weiter in die Zukunft gehen können. Eine dramaturgische Änderung gibt es auch im Kalender: Der Kunstpreis Junger Westen für Malerei wandert ab dem Jubiläumsjahr vom Winter zum besten Termin in den Kunstherbst.
Wie viel historisches Wissen müssen die Besucher:innen mitbringen?
Gar keins. Einfach kommen und Kunst schauen. Die Kunst, die wir zeigen und vermitteln, soll für jede und jeden sein. Das ist nicht immer einfach hinzubekommen, aber wir tun alles dafür, dass sowohl die Kunstgeschichtsprofessor:innen als auch die Taxifahrer:innen gegenüber der Kunsthalle bei uns eine gute Zeit haben.
75 Jahre Kunsthalle Recklinghausen. Die Anfänge: Radical Innovations |15.12. - 6.4. | Kunsthalle Recklinghausen | 02361 50 19 35
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