Essen, 19. Januar: Schnell überschlägt Sharon Stone die Beine. Für einen kurzen Moment sehen wir ihre Scham – oder doch nicht? Die Fast-Sekunde reichte, um so manche ZuschauerInnen zur Weißglut zu bringen. Paul Verhoevens eigentlich mäßiger Erotik-Thriller „Basic Instinct“ sorgte 1992 mit solchen Szenen für einen Skandal. Vor allem FeministInnen, Kirchen aber auch Schwulenverbände liefen gegen den Film Sturm.
Ein Muster, dem man oft in der Geschichte des Kinos begegnet ist: Filme, die für einen Eklat sorgen, Tabus brechen. Das war auch das Thema des Abends im Filmstudio Glückauf: Im Vortrag „Scandalize me! – Sex im Film zwischen Provokation und Normalisierung“ präsentierten die Soziologin Sonja Schnitzler und die freie Kuratorin, Autorin und Lektorin Judith Funke eine Auswahl von Skandal-Highlichts der Kinogeschichte und berichteten über die gesellschaftlichen Hintergründe.
„The real kiss is a revolution“
Los ging es mit dem Film „The Kiss“ von 1896, der eigentlich nur ein 18-sekündiger Clip ist und, wie der Titel verrät, nur einen Kuss zeigt – ein Bussi, der, wie Judith Funke kommentierte, „seinerzeit sehr kontrovers diskutiert wurde.“ Auch von der Filmkritik: „The real kiss is a revolution“, war in Zeitungen zu lesen.
Eine Vorstellung, die ein paar Jahrzehnte später die junge Bundesrepublik erschütterte, stellte dagegen die Soziologin Sonja Schnitzler vor: „Die Sünderin“ (1951) von Willi Forst – „der Film, der die größte Reaktion hervor gerufen hat“, so Schnitzler. Und das weniger durch explizite Sexszenen – Hauptdarstellerin Hildegard Knef ist nur für einen Moment in Unterwäsche zu sehen – , sondern wegen der Verharmlosung von Prostitution als Ausweg aus einer prekären, sozialen Situation. Entsprechend heftig waren die Reaktionen, wie Schnitzler aufzählt: „Zensoren“ sind aus Gremien ausgetreten, Kirchen riefen zu Demos auf oder setzten Mäuse in Kinos aus; Priester zogen mit Stinkbomben gegen Lichtspielhäuser und riefen quasi zu Gewalt auf. Im Bonner Haus der Geschichte gehöre die Sünderin als einziger Film zu den Top 20 der Skandale in der Geschichte der BRD.
Vieles führt heute nicht mehr zu einem Skandal
Auch in den 70ern, der Phase der sexuellen Revolution, gab es noch Skandalfilme: Als der japanische Filmregisseur Nagisa Ōshima 1976 das Material seines Streifens „Im Reich der Sinne“ fast fertiggestellt hatte, musste er das Filmmaterial zur Entwicklung nach Paris schicken – „weil kein japanisches Laboratorium es anzurühren wagte“, wie der britische Filmkritiker David Robinson schrieb. Dann wurde der Film endlich auf der Berlinale gezeigt. Prompt kam es zum Eklat: Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte den Film wegen des Vorwurfs „harter Pornographie“. Dabei hatte der Kurator Ulrich Gregor vor der Vorführung auf der Berlinale noch pathetisch angekündigt: „Das ist der Porno, um alle Pornos zu beenden.“
Heute sorgen ähnliche Darstellungen nicht mehr für einen Eklat, wie etwa die Verfilmung von „Fifty Shades of Grey“ zeigt: „Dieser Film hat heute keinen Skandal mehr ausgelöst“, so Schnitzler. „Die Darstellung ist auch relativ brav.“ Trotz expliziter bis provokanter Sexszenen sorgen auch andere Beispiele wie Lars von Triers „Nymphomaniac“ – trotz feministischer Kritik – nicht mehr für einen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Und man muss schon lange zurückblicken, um einen solch skandalösen Film zu finden. 2006 lief übrigens eine ebenso freizügige Fortsetzung von „Basic Instinct“ in den Kinos – falls sich überhaupt noch wer erinnern kann.
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