Anish Kapoor, Past, Present, Future, 2006, Wachs, Metall, Ölfarbe, mechanischer Arm, © VG Bild Kunst, Bonn 2025
Foto: Ole Hein Pedersen

Materie und ihre Energie

01. Juni 2026

Anish Kapoor im Lehmbruck Museum Duisburg – kunst & gut 06/26

Anish Kapoor geht aufs Ganze. Seine Werke sind monumental, wuchtig, reine Masse. Sie besetzen und vereinnahmen den Ausstellungsraum, saugen Licht auf und speichern Energie: Kapoor erzeugt produktive existenzielle Situationen. Im Lehmbruck Museum, das diese Schau anlässlich der Verleihung des Wilhelm-Lehmbruck-Preises an ihn ausrichtet, stehen jedes Werk und jede Werkgruppe für sich, zumal sie über das Museum verteilt sind und den Zeitraum von 1985 bis 2025 umfassen.

Kraftvoll geht es in der Glashalle los. „1st Body“ (2013) besteht aus fünf amorph wuchernden riesigen Flächen, die in kantige quadratische Rahmen gefasst sind, so als sei eine kompakte Form zerschnitten und auseinandergerückt worden. Dadurch ist die Durchsicht wie in das Innere eines Körpers möglich. Die Substanz besteht aus beigem, wie geschmolzenem Harz. An dem einen Ende stülpt sich das Harz pochend nach draußen, dehnt sich wie Beulen aus und steht auf dem Boden auf, so dass die Darstellung umso mehr kreatürlich auftritt. Es ist vielleicht die schwierigste Arbeit in dieser Ausstellung, aber sie ist reine Skulptur, und sie erzeugt in ihrer Präsenz und Verformung Symbolkraft. Mit der Veränderung eines elementaren Volumens handelt ebenso „Past Present Future“ (2006): Von der Wand beschnitten, wächst eine riesige Halbkugel aus blutrot gefärbtem Wachs auf, deren Oberfläche durch einen metallischen Träger beharrlich an die Wand geschoben wird, wo das Wachs wie Reste von Fleisch kleben bleibt.

Anish Kapoor ist in seiner Kunst ein Materialfetischist, der für jede Arbeit den geeigneten Werkstoff erforscht, ausreizt und ihn Prozessen aussetzt, mit denen zugleich der Betrachter aktiviert wird und teils erst das Werk vollendet. Damit hat er auf spektakuläre Weise dazu beigetragen, Skulptur neu zu definieren. Kapoor wurde 1954 in Mumbai geboren. Er hat Indien mit 16 Jahren verlassen und über Umwege in London Kunst studiert. Er war bereits früh erfolgreich. Einer der eindrucksvollsten Beiträge der documenta 1992 stammte von ihm: Am Rand des Friedrichsplatzes in Kassel hatte er ein mehrere Meter tiefes rundes Loch gegraben und die Erde anschließend homogen mit reinem blauem Pigment überzogen. Im Blick von oben ging jede Orientierung verloren, der Raum wurde unfassbar und man schien in eine unendliche Tiefe, wie in das Universum abzustürzen. Gleichzeitig wurde meditative Stille und Weite empfunden.

Kapoor demonstriert eine Vollkommenheit voller gedanklicher Tiefe, aber mit Irritationsmomenten. Diese Konfrontation ist ein Leitmotiv für sein Werk bis heute. In Duisburg liegt sie zum Beispiel im Wechselausstellungsraum vor, den Kapoor als zusammengehörige Installation, getrimmt auf Symmetrie, konzipiert hat. Langgezogene schlängelnde Wände aus hochglänzend poliertem Edelstahl stehen konkaven tiefschwarzen Rundspiegeln gegenüber, und in beidem sehen wir uns verzerrt im verzerrten Raum. Kapoor wirft die Betrachter auf sich zurück: Schließlich sind auch wir eine Art Skulptur, alle Körperlichkeit und Präsenz ist zwischen Werden und Vergehen vorübergehend, mitten im Kosmos.

Anish Kapoor | bis 30.8. | Lehmbruck Museum Duisburg | 0203 283 32 94 

Thomas Hirsch

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