„Schauen Sie, das ist der Unterschied zwischen uns und Güler“, erzählte Tayfun Belgin. Dann zückte der Kunsthistoriker (und Direktor des Hagener Osthaus Museums), der als Experte kurzfristig für den erkrankten Günter Wallraff eingesprungen war, sein Smartphone aus der Jackett-Tasche. „Sie alle haben so was. Aber Güler nimmt sich Stunden für ein Foto.“
Da gibt es etwa diese wunderschönen Schwarzweiß-Bilder am Istanbuler Hafen: Schiffe werden beladen, Fische inspiziert, Boote bestiegen – „ein einzigartiges Bild“, urteilt der Schriftsteller Orhan Pamuk, der im Film von Osman Okkan zu Wort kommt, über eins dieser Fotos. „Jeder existiert für sich.“
Das Porträt „Ara Güler. A Legend of Istanbul“ zeigt auch diese Verbundenheit des bekannten armenisch-türkischen Fotografen mit seiner Heimatstadt. An diesem Abend feierte der Dokumentarfilm von Osman Okkan in Anwesenheit des Regisseurs und Ara Gülers Premiere. „Es war mir, als würde meine Erinnerung mit Gülers Fotos zusammenschmelzen“, sagt der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk über die Kunst seines Freundes. Der Mann mit der Leica hat in seinen Streifzügen durch Istanbul das Alltagsleben am Bosporus eingefangen: das hektische Treiben der Hafenarbeiter, einsame Großstadtseelen, traurige und fröhliche Kinder auf den Straßen. In der Türkei gilt der Sohn einer armenischen Apothekerfamilie als wichtigster Vertreter eines sozialen Realismus, den man mit Künstlern wie Henri Cartier-Bresson oder Walker Evans verbindet.
Von der Notaufnahme auf die Bühne
„Was ist die Fotografie für mich?“ fragte Güler und gab die Antwort gleich selbst: „Die visuelle Darstellung eines Teils, der dem Leben entrissen wurde.“ Dass er an diesem Abend zum Publikum im Grillo-Theater gesprochen hat, war allerdings keine Selbstverständlichkeit. Kurz zuvor unterzog sich der 87-Jährige noch einer vierstündigen Dialyse. „Er wollte sich es einfach nicht nehmen lassen“, erklärte Osman Okkan.
Nicht nur das Schaffen, auch der Werdegang des Künstlers ist spannend. Denn berühmt geworden ist er später durch seine Pressetätigkeiten. „Ich bin kein Fotograf, ich bin Journalist“, stellte er auch in Essen klar – nicht zuletzt auch wegen der prekären Situation von JournalistInnen in der Türkei, von der zuvor auch ein Freund Gülers betroffen war. Er selbst schoss Fotos für den Stern, Time-Life oder als Korrespondent im Nahen Osten. Irgendwann brachte ihn der berühmte Fotograf Henri Cartier-Bresson, mit dem Güler befreundet war, zur legendären Foto-Agentur Magnum. Ara Güler stieg auf zum renommierten „Weltfotografen“ (so Tayfun Belgin).
„Warum machst Du so viele Fotos von mir?“
Sein Renommee nutzte Güler fortan auch, um sich mit den Mitteln den Fotografie in die politischen Angelegenheiten seines Landes einzumischen. Egal ob den Militärputsch, das Gazi-Massaker 1995 oder die Gezi-Proteste im Sommer 2013 – der „Humanist in Istanbul“ (Tayfun Belgin) hat alle diese Ereignisse mit seinem Sucher eingefangen. Ein politisches Statement setzte Güler auch mit seiner Unterstützung von Fatih Akins Film „The Cut“ über den Völkermord der Türkei an den ArmenierInnen. „Ein Hoch auf die Wahrheit“, so Güler über Akins Streifen.
Berühmt geworden ist das „Auge Istanbuls“ ebenso durch die eigenwilligen Porträts von Stars wie Alfred Hitchcock, Winston Churchill oder Maria Callas. Einem dieser Abgeblitzten, dem Maler Pablo Picasso, schien das irgendwann nicht mehr ganz geheuer zu sein. „Picasso hat mich mal gefragt, wieso ich so viele Fotos von ihm mache“, erzählte Güler. Seine Antwort: „Weil Du so berühmt bist.“ Darauf Picasso: „Dann müssen wir auch welche von dir machen!“. Osman Okkan hat nun mit seinem Dokumentarfilm ein solches Porträt des berühmten Fotografen Ara Güler abgeliefert.
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