Zwei Männer stehen sich gegenüber. So dicht, dass zwischen ihren Augen gerade noch Platz bleibt für den Zorn. Die Häuserecke hinter ihnen teilt das Bild, teilt die beiden, teilt zwei Welten. Das Foto von Jon J. Kim, es zeigt eine Szene von den Protesten in Chicago, gegen rassistische Polizeigewalt. Es wirkt wie ein Kunstwerk, nicht wie ein Dokument: scheinbar bis ins Detail inszeniert, erzählend, und das auf allerhöchstem handwerklichen Niveau. Es ist, als schauen wir auf einen Film, ein Ghetto-Drama wie „La Haine", elegant in Schwarz-Weiß.
Kims Bild ist beispielhaft für die anderen Fotos der jährlichen World Press Photo-Ausstellung. Diese zeigt Einzelbilder und Serien von 41 Fotografen, die die Jury aus insgesamt 98.000 Fotos aus 131 Ländern ausgewählt hat. Die zu den jahresbesten gekürten Fotos von Bildjournalisten bieten zudem einen erhellenden Rückblick auf das vergangene Jahr, eine Entdeckungsreise in bislang unbekannte Themenfelder und sind ein ästhetischer Genuss. Viele Fotos wirken wie detailverliebte Inszenierungen. Das trügt, schließlich werden die Bilder von einer strengen Jury auch nach Authentizitätskriterien bewertet. Letztes Jahr wurde ein belgischer Fotograf rausgeschmissen, da sein eher symbolisches Bild zum Thema Prostitution gestellt war.
Das mindert das Staunen aber nicht, ganz im Gegenteil: Fotografisches Können, Hartnäckigkeit und natürlich auch ein gutes Stück Glück gehören dazu, um Fotos wie beispielsweise die Naturbilder der Ausstellung einzufangen: Rohan Kelly fotografierte eine apokalyptische Sturmfront am australischen Bondi Beach, im Vordergrund sonnt sich noch eine Frau und starrt auf ihr Tablet – während die Naturgewalten sich bedrohlich nähern. Oder Sergio Tampiros Foto vom Ausbruch des Colima-Vulkans in Mexiko: Vor dem sternenklaren Nachthimmel, der sichtbar gemachten Ewigkeit, erhebt sich ein wahrer Titan einer Naturgewalt mit Feuer, Blitzen, Eis und Krach in den Himmel – ein mythisches Bild, und gleichzeitig doch bloß ein aufgenommener Moment.
Ob der Betrachter es hineinliest, der Zufall es ins Bild brachte oder es vom Fotografen geplant war: Viele Bilder sind, auch und gerade in den Details, hochsymbolisch. Kevin Frayers Foto von den Arbeitern in der chinesischen Industrieregion Shanxi, mit den vier rauchenden Schloten im Hintergrund und der bis auf den Filter abgebrannten Zigarette im Mund des alten Mannes vorne im Bild. Oder Warren Richardsons von der Jury zum Foto des Jahres gekürten Bild von dem Baby, das unter dem Stacheldraht an der serbisch-ungarischen Grenze hindurch gereicht wird, nach Europa.
Das sind nur einige Beispiele von vielen großartigen Bildern. Da gibt es noch Mary F. Calverts ergreifende Reportage über Vergewaltigung von Soldatinnen im U.S.-Militär. Oder Kazuma Obaras Bilder aus Prypjat, auf von der Strahlung zerfressenem Film – Radioaktivität zum ansehen.
Nun, manches wundert einen dann doch: Muss es jedes Jahr mindestens ein imposantes, aber letztlich doch langweiliges Foto einer Explosion geben? Warum finden sich hier, anders als letztes Jahr, keine Fotos aus der Ukraine – hat kein Journalist, ob westlich oder russisch, hier im vergangenen Jahr gute Fotos gemacht? Was beeindruckte die Jury an den x-ten Gruselbildern aus Nordkorea? Aber das sind Randnotizen. Und die betreffen keines der dieses Jahr wirklich durchweg grandiosen Bilder.
World Press Photo 2016 | bis So 26.6., täglich, versch. Uhrzeiten | Depot Dortmund
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