Szene aus „Federding“. Produktion: Treibsand Film Kim Münster, Regie: Tianlin Xu. Prämiert mit dem vom trailer-Magazin gestifteten weitblick-Preis.

An die Arbeit

06. Dezember 2022

Filmfestival blicke: Sonntagsmatinee in Bochum – Festival 12/22

Es ist ein unscheinbares Haus, vor dem die Kamera haltmacht. „Ludger Edelkötter“ steht auf dem kleinen Schild, das am Zaun befestigt ist. Ob er das Lied noch einmal spielen dürfte, fragt er. Er könne sich gerade nicht erinnern. „Ludger – ein fragmentarisches Portrait eines Liedermachers“ widmet sich einfühlsam dem kürzlich verstorbenen Musiker. Der Film, ausgezeichnet mit dem Publikumspreis des blicke-Festivals, begleitet den Künstler bis gegen Ende seines Lebens und rekapituliert sein Leben.

30. Jubiläum

Vier der fünf ausgezeichneten Filme laufen bei der Sonntagsmatinee im Bochumer Kino Endstation, mit der das blicke-Festival abschließt. Der letzte Preisträger, „Nichts Neues“, der den ein-blicke-Preis gewinnt, soll demnächst im Kinoprogramm erneut gezeigt werden.

Gewinner des trailer-Ruhr-Preises für den außergewöhnlichen Blick ist dieses Jahr „Federding“, der in Hattingen lebenden Filmemacherin Tianlin Xu. Ihr Kurzfilm begleitet den Alltag einer iranisch-afghanischen Familie – ohne je ihre Gesichter zu zeigen. Kochen, Anziehen, Bewerbungsgespräch. Bescheiden und vorsichtig wirkt das zuweilen. „Mit beeindruckender Ruhe und Genauigkeit“ erzähle der Film „von vertrauter Nähe und vorsichtiger Kontaktaufnahme“, so die Jury in ihrer Begründung.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“

Gerhard Schröder steht im Plenarsaal des deutschen Bundestages. Dazu immer neue Ausschnitte aus Talkshows und Bürgerbefragungen. Mantraartig wiederholen sie: „Sozial ist, was Arbeit schafft“. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben für den Film der Berliner Künstlerin Irem Schwarz. Problemlos reihen sich Christian Lindner und Friedrich Merz in die vielen, chaotischen Zusammenschnitte aus altem und neuem Material. „Lower Ambitions“, Gewinnerin des aus-blicke-Preises, zeigt die Kontinuitäten der derzeit wieder erbittert geführten, realitätsfernen Debatte über Menschen, denen die Politik unterstellt, arbeitsscheu zu sein.

Während des Abspanns laufen Aufnahmen einer Rundfunkansprache aus dem Jahr 1932 in der Weimarer Republik. Es spricht der Medienunternehmer und spätere Führer der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Alfred Hugenberg: „Derjenige ist wirklich und wahrhaft sozial, der Arbeit schafft.“ Drei Tage danach gewann die NSDAP trotz Verlusten klar die Wahl – Hugenbergs DNVP löste sich bald darauf auf, ihre Abgeordneten schlossen sich den Nationalsozialisten an.

Leo Thomann

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