Die Filmfestivals stehen in voller Blüte. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die Hoch-Zeit der Serien nun doch überschritten ist. Anbieter wie Amazon Prime geben bereits zu, dass sich das Zuhause-Publikum am Freitag- oder Samstagabend nach einer kompakten 90- oder 120-Minuten-Geschichte sehnt – und nicht mehr nach Endlos-Stories, die Folge um Folge neue Pirouetten drehen und kein Ende finden.
So gesehen stehen die großen Streaming-Dienste vor den gleichen Herausforderungen wie die Kinos. Beide suchen gute Spiel- oder Dokumentarfilme, die das Publikum begeistern und sich, wenn möglich, gleich in mehreren Ländern und über längere Zeit auswerten lassen.
Zwei Höhepunkte des diesjährigen Cannes-Festivals lassen für die Kinos jedenfalls schon mal Gutes erahnen. In Jessica Hausners „Club Zero“, den man als perfekte Ergänzung zu Ilker Çataks Lola-Gewinner „Das Lehrerzimmer“ sehen kann, checkt eine neue Lehrerin namens Miss Novak, gespielt von Mia Wasikowska, an einem Elite-Internat ein, um die Schützlinge zu einem bewussteren Essen zu erziehen. Was sich zunächst wie ein netter Ratschlag anhört, wird allerdings bald zur Religion erhoben: Das Weniger-Essen wird zur Lebensphilosophie, zum radikalen Lerninhalt, der von den Schülerinnen und Schülern möglichst umfassend umgesetzt werden soll. Hausner nutzt ihren grandios ausgestatteten Film, um eine bessere Gesellschaft zu zeigen, die zwischen betonierten Eltern-Egos und -Häusern längst die Richtung und die Kinder verloren hat. Großartig webt der Film den einseitigen Meinungs- und Desinformations-Wahnsinn des Internets in ein widerborstiges Schuldrama um, in dem das Lehrpersonal zu kriegerischen Influencern mutiert ist.
Auch Jonathan Glazers „The Zone of Interest“ macht sichtbar, was ansonsten nicht sichtbar war oder ist. Basierend auf der gleichnamigen Geschichte von Martin Amis, bebildert Glazer das vermeintlich normale Familienleben des KZ-Lagerkommandanten Rudolf Höss und seiner Frau Hedwig, gespielt von Christian Friedel und Sandra Hüller. Während nebenan, im Konzentrationslager Auschwitz, die Schornsteine rauchen und die Mordmaschinerie auf Hochtouren läuft, spielen die Kinder, liest der Vater Gute-Nacht-Geschichten vor und pflegt Mutti ihre Blumen. In die falsche Idylle platzen mitunter ein paar Schrei- oder Schusslaute, während Höss in Uniform den Bau neuer Krematorien bespricht und seine Frau in ihrem „Traumhaus“, wie sie es einmal nennt, „frische Wäsche“ sortiert, als ihr Mann nach Berlin versetzt werden soll. Ein unfassbares Kammerspiel über eine „Monster Family“ am Rande des Holocaust.
Beide Filme werden noch für einigen Gesprächsstoff sorgen. Auch deswegen, weil sie eine zentrale Qualität des Kinos offenbaren: Für einen genauen Blick auf das Leben braucht es Zeit – und den Mut, genau hinzusehen. Henry Miller schrieb einmal: „Alles, vor dem wir unsere Augen verschließen, wird schließlich zu unserer Niederlage beitragen.“
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