Bittere Feindschaft auf der Leinwand, Kumpelstimmung beim Premierenabend: Moritz Bleibtreu und Jürgen Prochnow.
Fotos: Dominik Lenze

Moritz Bleibtreu als Wolf wider Willen

13. Januar 2016

Deutschlandpremiere: „Die dunkle Seite des Mondes“ in der Lichtburg Essen – Foyer 01/16

Essen, 12.1. – Der Wolf streift wieder durch deutsche Wälder. Er ist gnadenlos und listig, verteidigt mitleidlos sein Revier und trägt mit Vorliebe Grau. Gemeint ist nicht das edle Tier, dass dem Zuschauer von „Die dunkle Seite des Mondes“ in den ersten Filmsekunden tief in die Augen blickt, sondern jene Raubtiere in Maßanzügen, die sich in Stephan Ricks Kinodebut einen erbarmungslosen Kampf liefern: Der gefallene Wirtschaftsanwalt Urs Blank und sein Mentor und Mandant Pius Ott, gespielt von Moritz Bleibtreu und Jürgen Prochnow. Nach sechs Jahren Produktion feierte die packende Verfilmung des Romans von Martin Suter nun endlich ihre Premiere in der Essener Lichtburg.

 

„Das ist schon ein kleines Wunder“, sagt Amir Hamz, einer der Produzenten. Er hatte die Idee, den Thriller des Schweizer Autors auf die Leinwand zu bringen. „Es ist der radikalste und archaichschte Stoff von Suter.“ Irgendjemand, so Hamz, musste diese Geschichte verfilmen. Eine Geschichte, die voller Facetten ist: Einerseits geht es um die Selbstfindung von Urs Blank, der nach dem Selbstmord eines ausgebooteten Kollegen nicht mehr weiter machen kann wie bisher. Dann trifft er die drogenaffine Hippie-Braut Lucille (Nora von Waldstätten) und nach einem gemeinsamen Trip auf halluzinogenen Pilzen erkennt Blank sich nicht mehr selbst: Unkontrolliere Wutanfälle treiben ihn in Wahnsinn und Selbstzweifel – sein Mentor Pius Ott hingegen bewundert die neue Gnadenlosigkeit. Schließlich geht es Ott um die Fusion zweier Pharma-Unternehmen zum größten Medi-Dealer Europas. Doch als Blank geheime Unterlagen über ein vermeintliches Wundermittel entdeckt, wittert dieser seine letzte Chance, sich zu beweisen, dass er kein gewissenloses Monster ist – der Startschuss für eine nervenaufreibende Hetzjagd.

 

Blick für symbolische Details

 

Der Wolf. Der Mond. Der Wald. Und konträr dazu der eiskalte Frankfurter Großstadtdschungel aus Glas und Stahl – das dichte Netz der Motive, dass Suters Vorlage liefert, setzt Regisseur Stephan Rick bildgewaltig um. Und für Blank, den Antiheld im Zerfallszustand, hätte man keine bessere Besetzung als Bleibtreu finden können: „Verpiss dich, du Fotze“ keift er seine Frau Evelyn an (Doris Schretzmayer), dann bricht er in Tränen aus: Der Wolf wider Willen bittet mit Hundeblick um Vergebung.

Hat in ihrer Rolle als Blanks Frau Evelyn weniger zu lachen: Doris Schretzmayer auf dem roten Teppich in Essen.

Auch Regisseur Rick lobt Bleibtreu für seinen unermüdlichen Einsatz – bei Wind und Wetter habe sich der Hauptdarsteller durch das Unterholz des Luxemburger Waldes gekämpft, wo in nasskalten Herbstmonaten die Dreharbeiten stattfanden. „Danach hatte ich nur noch Lust auf Kacheln, Fliesen – alles was steril ist, bloß kein Wald“, sagt Bleibtreu lachend. Weniger anstrengend, dafür eine schauspielerische Herausforderung, war Blanks Drogentrip: „Ich habe da auch nicht so wahnsinnig viel Erfahrung“, lässt Bleibtreu wissen. Nur einmal habe er in seinem Leben Pilze genommen – „Aber gering dosiert, für Feiglinge.“ Die Lorbeeren für die gelungene Umsetzung des Drogenwahns überlässt er dem Regisseur: „Das kann man nur cineastisch umsetzen.“

Prochnow: „Finger weg von solchen Leuten“

 

Das ist Rick zweifellos gelungen. Der Regisseur hat seine ersten filmischen Gehversuche übrigens hier in Essen unternommen – als Student der Ruhr-Universität, mit geliehenem Equipment von einem lokalen Fernsehsender.

Endlich auf der Leinwand angekommen: Regisseur Stephan Rick sonnt sich sichtlich zufrieden im Blitzlichtgewitter.

Auch Jürgen Prochnow verbindet einiges mit Essen, insbesondere mit dem Filmkunsttheater in der Innenstadt: Hier feierte 1970 sein erster Kinofilm „Zoff“ Premiere. Von seinem jetzigen Streifen könne der Zuschauer einiges mitnehmen, sagt Prochnow im Gespräch nach der Premiere. „Etwa: Finger weg von Drogen?“, fragt der Moderator. „Nein, Finger von solchen Geschäftsleuten“, entgegnet der Schauspieler. In diesem Sinne sei „Die dunkle Seite des Mondes“ auch ein Abbild der Gesellschaft: „Es gibt eine Tendenz, dass sich immer mehr Leute so entwickeln“, meint Prochnow. Der Wolf ist also wieder da – nicht nur auf der Leinwand. Bleibt zu hoffen, dass er nicht im Rudel kommt.

Dominik Lenze

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