Antony Gormley, Loss, 2006, rostfreie Stahlblöcke, 173 x 53 x 49 cm (Ausschnitt), © Antony Gormley
Foto: Stephen White, London

Eine Figur aus vielen Teilen

18. Dezember 2014

Antony Gormley im Lehmbruck Museum in Duisburg – kunst & gut 01/15

Nur eine einzige, moderat hohe, konventionell wirkende Skulptur ist in dieser Ausstellung zu sehen. Eine menschliche Figur steht – wiedererkennbar, zur Silhouette abstrahiert – im ansonsten leeren Raum der großen Glashalle des Lehmbruck Museums. Sie ist auch vom Kantpark aus zu beobachten und tritt mit dessen Struktur, Natur und auch den Passanten in Beziehung. Antony Gormleys Skulptur „Loss“ besteht aus etlichen kleinen, zueinander versetzten Blöcken aus rostfreiem Stahl, die unverbunden wirken. Das Sonnenlicht reflektiert auf unterschiedliche Weise auf den Flächen, deren Farbigkeit zwischen Silber und Kupfer changiert. Nachts wird die Skulptur, auf die wir auch aus der Galerie herabschauen können, von oben mit einzelnen Spots beleuchtet: Erst recht dann denken wir bei der Kleinheit der flimmernden Partikel an den Prozess der Materialisation.

Die Figur hat die Arme angelegt, die Beine zusammengerückt, aber ihr Haupt ist nach vorne gesenkt, so dass der Hals als horizontaler Block verläuft. Sie wirkt konzentriert und zugleich demütig. Sie nimmt ihre Körperlichkeit so weit wie möglich zurück. Direkt – sockellos – auf dem Boden stehend, entspricht die Höhe der eines Menschen. Tatsächlich besitzt sie das Maß des Bildhauers selbst, von Antony Gormley. Und der kann mit seinen vierundsechzig Jahren auf ein beachtliches künstlerisches Werk zurückblicken, in dem es konstant um den Menschen und die Rolle der Skulptur in unserer Zeit geht.

Seit Anfang der 80er Jahre zeigt der britische Künstler die menschliche Figur ganz direkt, zumeist auf der Grundlage von Abformungen seines Körpers. Er beharrt auf der eigenen Physis und Motorik und reagiert damit auf die zunehmende Digitalität und die Virtualität in unserer Gesellschaft. Die Figur steht, kniet, liegt, schmiegt sich an Raumkanten an oder hängt an der Wand. Sie ist Maß und Dialogpartner. Und sie ist der Einzelne. Draußen, in der Landschaft verdeutlicht und „erdet“ sie deren Weite; sie wird zur Markierung und zum existenziellen Zeichen. In diesem Sinne ist der „Engel des Nordens“ Gormleys Hauptwerk. Mit einer Höhe von 22 Metern und einer Spannweite von 54 Metern ragt der „Engel“ seit 1998 über die flache Landschaft des englischen Gateshead auf. Mit solchen allgemein verständlichen und mitunter spektakulären Arbeiten gehört Antony Gormley, der mit dem Turner-Preis und dem Praemium Imperiale ausgezeichnet wurde, zu den weit über Fachkreise hinaus bekannten figürlichen Bildhauern der Gegenwart.

Die Duisburger Skulptur „Loss“ (2006) ist für Gormleys Schaffen und dessen Intentionen typisch. Sie gehört zu seinen „Blockworks“: Das sind isolierte Figuren in verschiedenen Haltungen, deren Körper sich aus einzelnen metallenen Teilen zusammenfügen, die noch den Durchblick erlauben, also Geschlossenheit mit Transparenz verbinden und gleichermaßen an- wie abwesend sind. Die sich selbst einigeln oder den umgebenden Raum ertasten. Die explosive Dynamik der Blöcke trete an Stelle der Bewegung des Körpers, hat Gormley in seinem Werkverzeichnis zu dieser Gruppe geschrieben (2007). Bei „Loss“ hält alles inne, wir könnten eine Stecknadel fallen hören. Gormley verweist hier ebenso auf die Grundstruktur aus Zellen wie auch auf die geistige Existenz des Menschen. Zugleich verdeutlicht er die Energie des Raumes; er bezieht uns als Gegenüber auf Augenhöhe zur Skulptur ein. Diese lässt in ihrer kantigen Verknappung gewiss noch an Roboter denken und spielt auf die Unruhe der großstädtischen Architektur an. „What is sculpture good for?“ lautete die zentrale Frage in Gormleys Vortrag zur Eröffnung im Lehmbruck Museum. – Voilà, seine Skulptur beantwortet die Frage zum Abschluss der Ausstellungsreihe „21st Sculpture“ überzeugend.

Antony Gormley, „Loss“ | bis 18.1. | Lehmbruck Museum, Duisburg | 0203 283 26 30

THOMAS HIRSCH

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