
Aus dem Konservatorium dringen den ganzen Tag Klavierklänge auf die Straße, Stücke des Österreichers Franz Schubert, des französischen Polen Frédéric Chopin, des Franzosen Claude Debussy. Bald mischt sich eine italienische Arie dazwischen. Vorbeifahrende Autos übertönen beides mit den angesagtesten DJs, die in Berlin oder auf Ibiza auflegen. Die Straße ist nach dem russischen Dramatiker Alexander Gribojedow benannt. So viel europäische Vielfalt – außerhalb Europas: Diese Straße zieht sich durch Tiflis, der Hauptstadt Georgiens.
Georgien liegt zwischen den beiden Zügen des Kaukasusgebirges und zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, südlich von Russland, nördlich der Türkei – technisch gesehen in Asien. Und doch wirkt hier in der Gribojedowstraße vieles so europäisch, will unbedingt europäisch sein. Eine Straße weiter, am Parlament, hängen Europaflaggen, nicht erst, seit das Land im Dezember 2023 offiziell EU-Beitrittskandidat wurde. Im ganzen Land versprechen Hotels mit dem Namen „Golden Fleece“ (Goldenes Flies) den Zauber griechischer Mythologie, unter Vordächern, die getragen werden von Säulen mit dorischen Kapitellen aus billigem Gips. Und doch spricht man hier eine eigene Sprache, schreibt mit einem eigenen Alphabet und pflegt eigene Bräuche. Hier, zwischen Europa und Asien, an der alten Seidenstraße, wo Griechen, Römer, Perser, Araber und Russen geherrscht haben, man sich trotzdem eine eigene Identität bewahrt hat und doch so sehr nach Europa sehnt, hier ist ein guter Ort, um darüber nachzudenken, was europäische Kultur ist.
Ist es die sogenannte Hochkultur? Sind es die Werke von Bach bis Schönberg, von Walther von der Vogelweide bis Herta Müller? Ist dies nicht ein wenig zu elitär? Wie viele Menschen hören denn Klassik, wie viele lesen die Klassiker? Mitteleuropa hat viele große Komponisten hervorgebracht, doch wie viele aus Serbien kennen Sie? Heißt das, der Balkan gehört nicht zu Europa? Und wenn Hans Zimmer in und für Hollywood Musik macht – ist das dann noch europäisch?
Mit der Literatur ist es dank Sprachbarriere noch schwieriger. Können wir uns Europäer nennen, wenn wir Molière, Aischylos und Boccaccio nie gelesen haben? Vielleicht haben wir diese Namen schon mal gehört, während Mo Yan aus China und Derek Walcott aus St. Lucia zwar den Nobelpreis, aber kaum deutsche Leser haben.
Ist es nicht so, dass ein Großteil der Musik, die wir hören, und noch viel mehr der Filme, die wir schauen, aus den USA kommt? Diese Kultur der Kunst scheint eher ein Etikett wie „westlich“ denn „europäisch“ zu verdienen.
Was ist sie dann, diese europäische Kultur, die angeblich Island und Zypern, Porto und Baku eint?
Fragt man die Georgier, dann nennen sie oft Perspektiven, Sicherheit und Entwicklung. Chancengleichheit, Bildung, Umweltschutz. Wir sind in Deutschland oft geneigt, dies nicht als Teil unserer Kultur zu sehen, sondern als zivilisatorische Entwicklung. So als ob unsere Sicht auf diese Dinge die einzig wahre wäre. Dieser Chauvinismus ist sehr europäisch.
Man habe eine gemeinsame Geschichte, heißt es oft. Aus diesem Grund gibt es in Georgien all die Andeutungen an die Argonautensage. Sie sollen zeigen: Wir gehören seit der Ursuppe der Griechen zu Europa. Doch das ist eine Sicht der Grenzlande. Deutschland hat nie gegen die Perser gekämpft. Musste sich nicht nach dem am wenigsten fremden Nachbarn orientieren. Daher sehen wir nicht, gerade weil wir mitten in Europa stecken, dass die Zugehörigkeit zu einem Kulturraum auch geografisch und vor allem politisch definiert wird.
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