Der Dokumentarfilm ist kein Genre, sondern eine Gattung. Anders als beim Spielfilm unterscheidet man innerhalb des Dokumentarfilms für gewöhnlich aber nicht die unterschiedlichen Genres. Dabei gibt es natürlich ganz unterschiedliche Stile – lustige und traurige Dokumentationen ebenso wie politische, private oder dramatische. Es gibt ja sogar dokumentarische Animationsfilme. Und nicht selten blicken diese Filme auf äußerst ungewöhnliche Gegebenheiten – und sind damit oft schräger als manch ein Spielfilm.
Das Dokumentarfilmfestival „Stranger than Fiction“ hatte seinen Anfang in Köln. In diesem Jahr findet die 21. Ausgabe statt, und längst hat es sich über das gesamte Bundesland ausgebreitet. Ende Januar bis Ende Februar präsentieren die Festivalmacher Joachim Kühn und Dirk Steinkühler aktuelle Perlen des dokumentarischen Kinofilms in neun Städten: neben Köln in Bochum, Dortmund, Münster, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Mülheim und Brühl. Ein logistischer Kraftakt, der sicher erst durch die Digitalisierung zu bewerkstelligen war. In Zeiten des analogen Films hätte man noch unzählige Filmrollen von einem Kino zum nächsten durchs Land fahren müssen, und auch digital steckt hinter dem weit verzweigten Festival viel Logistik. Doch auch heute noch gilt: Nicht jeder Film ist in jeder Stadt zu sehen.
Das Festival zeigt 16 neue Dokumentationen, außerdem gibt es ein Kurzfilmprogramm mit Arbeiten von Studierenden der beiden großen Filmschulen in NRW – die Kunsthochschule für Medien (KHM) und die internationale filmschule (ifs). „Der letzte Jolly Boy“ ist eine Dokumentation über den Holocaust-Überlebenden Leon Schwarzbaum, der 1921 in Hamburg geboren wurde, als Teenager in einer Swingband spielte und während der NS-Zeit das Ghetto im polnischen Będzin, die Konzentrationslager Bobrek, Auschwitz-Birkenau, Buchenwald und Haselhorst und mehrere Todesmärsche überlebte. Heute reist der 97-Jährige durch ganz Europa und wird nicht müde, von seinen Erlebnissen zu erzählen. Ron Mann porträtiert mit „Carmine Street Guitars“ einen Gitarrenbauer in New York, der seine Instrumente aus 200 Jahre altem Holz herstellt, mit dem die ersten Häuser New Yorks erbaut wurden. Unter den Kunden sind etliche Weltstars. Mit „El Cacicque“ hat Dokumentarfilmer Markus Lenz vom Kölner Kollektiv Dokomotive das eng verbundene Leben zwischen Tier und Mensch auf einer karibischen Insel erforscht. Der Film läuft mit anderen Arbeiten in der Reihe Dok-NRW.
Sein Debüt feierte „Aggregat“ von Marie Wilke auf der letzten Berlinale. Der Essayfilm erforscht über den Blick in politische Institutionen, auf Zeitungsredaktionen und das gemeine Volk, wie Politik und Bürokratie funktionieren. Zum Film gibt es ein Werkstattgespräch mit der Regisseurin, die gerade das Gerd Ruge-Stipendium erhielt. Auch Ruth Beckermanns „Waldheims Walzer“ war zuerst auf der Berlinale zu sehen. Sie hatte Mitte der 80er Jahre den politischen Skandal um die SS-Vergangenheit des österreichischen Kanzlerkandidaten Kurt Waldheim filmisch begleitet. Jetzt hat sie mit Hilfe des Materials und anderer Archivquellen einen Rückblick auf das damalige Geschehen geworfen, der leider aktueller ist, als man zunächst glauben mag, und zugleich an die Doku über Leon Schwarzbau anknüpft. Die zahlreichen Gäste ermöglichen Gespräche über die Filme, aber auch die Filme treten ein Gespräch miteinander an.
Stranger Than Fiction – Dokumentarfilmfestival | ab 24.1. | Endstation Kino, Filmforum, Filmstudio Glückauf, RIO, sweetSixteen | www.strangerthanfiction-nrw.de
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