Felicia Hargarten hat genau fünf Boxen. Alles, was sie ihr Gut und Eigen nennt, muss da rein passen. Ihre Wohnung hat sie aktuell untervermietet, bis Ende des Jahres soll der Mietvertrag gekündigt werden. Einen festen Wohnsitz benötigt sie nicht. Auch für Ben Paul gilt, dass alles in seinen Trolli passen muss: „Je weniger Zeug ich habe, umso freier fühle ich mich“, sagt der Betreiber eines Blogs. Beide sehen sich selbst als sogenannte digitale Nomaden. Als solche werden sie auch im gleichnamigen Film „Digitale Nomaden. Deutschland zieht aus“ porträtiert.
Der Dokumenatrfilm von Tim Jonischkat war einer von sieben Beiträgen beim vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) ins Leben gerufene Filmfestival „Futurale“ im Dortmunder U. Den Lebensunterhalt im Internet verdienen – von zu Hause, im Zug oder sogar am Strand; die Zeit dabei eigenständig einteilen und zudem die Welt bereisen? Egal, ob waghalsige StartUp-Pionniere, radikal-individualistische KleinunternehmerInnen oder unter chronischem Fernweh leidende Reise-BloggerInnen: Tim Jonischkat lässt in seinem Film verschiedene ProtogonistInnen zu Wort kommen, die sich von traditionellen Arbeitsverhältnissen gelöst haben und auf die (Erwerbs)Möglichkeiten der digitalen Welt setzen. Ganz ohne Schattenseiten geschieht dies aber nicht, wie spätestens in der anschließenden Podiumsdiskussion klar wurde.
Auf Reisen statt öde 40-Stunden-Woche?
„Digitale Nomaden“ ist eher Imagefilm, denn ernstzunehmender Doku-Streifen und beleuchtet die verschiedenen Bohème-Existenzen mit einem ideologischen Weichzeichner. So fragte Markus Kurth, der für die Grünen im Bundestag sitzt, in der anschließenden Diskussionsrunde gleich nach, ob es sich beim Gezeigten um „Realsatire“ handele. Denn der Film inszeniert zuweilen mit einem ideologischen Weichzeichner eine naive Traumblase, in der hippe Freelancer gepflegt auf die öde 40-Stunden Woche kacken und ihr eigenes Ding durchziehen. Als Anfang einer Bewegung, als Angriff auf die traditionelle Arbeitswelt wird das digitale Vagabundentum in den 71 Minuten sogar bezeichnet. Yasmin Fahimi, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, die den Film mitpräsentierte, sah in dem dargestellten Phänomen ein „emanzipatorisches Element“, räumte aber ein, dass dieser Trend seit bereits vier Jahren wieder rückläufig sei. Die Zukunfts- und Existenzängste und das Scheitern dieser Selbstverwirklichungen werden in „Digitale Nomaden“ allerdings nur am Rande angedeutet. Immerhin präsentierte Regisseur Jonischkat den Trailer seiner Fortsetzung, in dem die ProtagonistInnen deutlich pessimistischer zu Wort kommen.
Digitaler Aufbruch?
Trotzdem untermauerte auch Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, dass die Digitalisierung gewisse Chance bereithalte. „Ich will Silicon Valley nicht kopieren, ich halte das für problematisch. Aber es ist nicht nur Mode, sondern tatsächlich auch eine reale Veränderung.“
Weniger um die Frage von Digitalisierung, sondern wie man es hinkriegt, dass ArbeitnehmerInnen glücklich und gerne in ihrem Betrieb tätig sind, zeigte dagegen der Beitrag „Mein wunderbarer Arbeitsplatz.“ Im Dokumentarfilm von Martin Meissonnier werden Unternehmen vorgestellt, die auf mehr Mitbestimmung und weniger Hierarchie setzen. Gewerkschaftler, Sozialwissenschaftler und andere Experten geben allerdings auch zu Protokoll, wie sich das mit den neoliberalen Ideen von Entsolidarisierung, Individualisierung, Prekarisierung, Flexibilisierung und so weiter deckt.
Mit insgesamt sieben Filmen plus den anschließenden Diskussionsrunden war das Futurale-Filmfestival sehr politisch, die ausgewählten Beiträge warfen dabei ein Licht auf verschiedene, fleißige Kinder des Spät-Thatcherismus, quasi selbstdisziplinierte Freigeister. Im gegebenen Rahmen reproduzieren sie nur die Idiosynkrasien des Neoliberalismus, aber nicht, ohne ein Versprechen neuer gesellschaftlicher Formen des Arbeitens und Lebens abzugeben. Nur, aktuell schuften und scheitern diese Figuren wohl noch eine Weile.
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