In der vielfältigen Gesellschaft wähnen manche die Hölle
Foto: Johannes/Adobe Stock

Glaube und Geld

26. Februar 2026

Teil 2: Leitartikel – Gegen den milliardenschweren Kulturkampf der rechten Christen hilft kein Beten

Aufklärung und Emanzipation haben es schwer, wenn Fake News und populistische Kampagnen den Alltag bestimmen; ein Blick Richtung USA genügt. Fundamentalistische Christen nutzen das aus und setzen auf Desinformation und Diffamierung im Namen Gottes. Dazu gehören milliardenschwere Kampagnen gegen Schwangerschaftsabbrüche, gleichgeschlechtliche Ehen oder sexuelle Aufklärung, die von ultra-konservativen Lobby-Organisationen oder Tech-Milliardären wie Elon Musk und Peter Thiel finanziert werden. Die in den vergangenen Jahrzehnten gegen heftigste Widerstände erkämpften Frauen- oder LGBTIQ*-Rechte sind bedroht. Auch in Europa.

Milliarden für Desinformation

Die vom European Parliamentary Forum on Sexual and Reproductive Rights (EPF) herausgegebene Studie „The Next Wave: How Religious Extremism is Reclaiming Power“ zeigt, dass in Europa allein zwischen 2019 und 2023 rund 1,18 Milliarden US-Dollar in Kampagnen rechter Christen geflossen sind.

Die Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft sind längst spürbar. Als im vergangenen Sommer die Kandidatin der SPD, Frauke Brosius-Gersdorf, zur Richterin am Bundesverfassungsgericht gewählt werden sollte, torpedierte eine Allianz aus rechten und christlich-fundamentalistischen Politikern, Medien und Organisationen die Wahl mit einer Schmutzkampagne. Im Mittelpunkt stand die angeblich allzu liberale Haltung von Brosius-Gersdorf zum Schwangerschaftsabbruch. Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch behauptete gar, Brosius-Gersdorf würde einem neun Monate alten Fötus noch „zwei Minuten vor der Geburt“ die Menschenwürde absprechen. Belege gab es keine, nur übliche Hetzartikel auf rechten Portalen wie Nius oder Compact.

Unterstützung kam auch von der rechten CDU-Abgeordneten Saskia Ludwig, die die Nichtwahl auf X süffisant mit „erledigt ;-)“ kommentierte. Ihr Fraktionschef Jens Spahn entschuldigte sich später halbherzig, dürfte sich aber insgeheim gefreut haben. Wo steht nochmal die Brandmauer? Und was sagt eigentlich der Koalitionspartner SPD dazu?

Allianzen am rechten Rand

Im Schatten dieser Kampagnen agieren Gruppen wie die Alliance Defending Freedom (ADF). Die 1993 in den USA gegründete christlich-fundamentalistische Lobbytruppe ist auch in Europa aktiv. Büros der Organisation gibt es mittlerweile in Wien, London, Brüssel und Straßburg, also direkt in Nachbarschaft von EU-Parlament und UNO. Der Name ADF ist eine Verkehrung ins Gegenteil im Orwell’schen Sinne: Das Recht von Frauen auf körperliche Selbstbestimmung soll aus Sicht der ADF abgeschafft werden. Soviel zur „Verteidigung der Freiheit“.

Die ADF war auch maßgeblich daran beteiligt, dass im Jahr 2022 in den USA das liberale Abtreibungsrecht nach 50 Jahren gekippt wurde. Unmittelbar nach dem Urteil veranstaltete sie gemeinsam mit der rechtskonservativen EKR-Fraktion einen Workshop im EU-Parlament, der das „leuchtende Beispiel“ aus den USA nach Europa tragen sollte.

Anti-Christen“ im Widerstand

Unterstützt wird der reaktionäre Rollback auch von Tech-Milliardär Peter Thiel. Der Paypal-Gründer berät nicht nur Donald Trump und dessen Vize-Präsident JD Vance. Im August 2025 hielt Thiel an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Innsbruck ein vertrauliches Seminar unter dem Titel „Der Anti-Christ. Eine vierteilige Vorlesung" ab. Als Anti-Christen gelten ihm Menschen, die für Aufklärung, Emanzipation und Frauenrechte eintreten.

Es wird also höchste Zeit, dass die vermeintlichen „Anti-Christen“ aktiv werden. Die erkämpften Rechte sind keine Selbstverständlichkeit und gerade, da reaktionäre Kräfte den Kulturkampf aufrufen, ist es an der Zeit, Gesicht zu zeigen – nicht nur am 8. März.

Holger Pauler

biograph | choices | engels und trailer - die online Kinoprogramme für
Bochum, Bonn, Castrop-Rauxel, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Frechen, Gelsenkirchen, Hagen, Herne, Hürth, Köln, Leverkusen, Lünen, Mülheim, Neuss, Oberhausen, Recklinghausen, Solingen und Wuppertal