„Le Fou de peur“ (Der vor Angst Wahnsinnige) ist eines dieser sensationellen Bilder, die Gustave Courbet Mitte des 19. Jahrhunderts gemalt hat. Es verstößt gegen die damaligen Konventionen und bricht mit den vom Kunstgeschmack favorisierten Stilen: Courbet macht alles anders. In seinem Gemälde beugt sich ein kniender Mann nach vorne. Das Gesicht ist verzerrt, die Augen blicken entgeistert den Betrachter an, und während die eine Hand auf dem Kopf aufliegt, reicht die andere mit gespreizten Fingern geradezu aus dem Bild heraus. Schon diese emotionale Entäußerung ist erstaunlich. Zudem befindet sich der Mann über einem unsicheren Grund, der als expressiv aufgetragene Farbsubstanz sichtbar ist und sich wie zum Hohn als Geschmiere bezeichnen ließe: Der Realismus der Malerei wird gleichzeitig mit der faktischen Realität der Malmittel ausgehebelt. Dazu handelt es sich um ein Selbstporträt. Die Darstellung wird zum Kommentar zum Zeitgeschehen. Dieses temperamentvoll Entäußerte ist Teil der künstlerischen und gesellschaftlichen Umwälzung, die Courbet (1819-1877) mitgestaltete und mit der die Romantik und die Klassik überwunden wurde. Zu sehen ist das jetzt in seiner großartigen Werkschau im Museum Folkwang in Essen.
Courbet hat mit den Möglichkeiten des Realismus die Welt, die ihn umgab, präzise gesehen. Er hat sich auf einige wenige Sujets konzentriert: das Selbstporträt (in wechselnder emotionaler Stimmung) und das Porträt, die Jagdszene mit einem Hirsch, die felsige Landschaft in der Umgebung seiner Heimatstadt Ornans. Dazu kommen die Frauenakte in ihrer plastisch-körperlichen Darstellung. Sein wohl bekanntestes Bild zeigt einen Frauenschoß, umfangen von einem weißen Laken, von unten gesehen: „Der Ursprung der Welt“ (1886). Courbet malte weiterhin die unberührte, zerklüftete Natur, die Quellen und Grotten mit ihrer archaischen Natürlichkeit und ihren mystischen Anklängen. Berühmt aber sind vor allem seine Wogen, die er in ihrer sich meterhoch aufbauenden und dann tosend zusammenbrechenden Naturgewalt mit ihrer weißen Gischt vornehmlich an der rauen Küste der Normandie erfasst hat – eine Neuerung in der Kunstgeschichte. Mithin lassen sich derartige Darstellungen, die noch die Malerei selbst vor Augen führen, auch als innere Aufwühlungen verstehen und deuten auf den existenziellen Kreislauf aus Werden und Vergehen. Aber Courbet hat auch sozialkritische Genreszenen gemalt. Diese sind in der Ausstellung in Essen nur sparsam vertreten, aber sie bleiben umso eindringlicher, wie „Die schlafende Spinnerin“, die bei ihrer Arbeit am Spinnrad eingeschlafen ist.
Courbet, der keine klassisch-akademische Malerausbildung durchlaufen, aber sein Handwerk doch in Paris vertieft hatte, wandte sich dort mit seinen Bildern gegen die angesagten idealisierten Darstellungen. Er wollte regelrecht die Kunst seiner Zeit revolutionären. Er engagierte sich, um beim jährlichen Salon in Paris zugelassen zu werden, und ging sogar so weit, parallel zu den Weltausstellungen selbst aufwändige Einzelausstellungen zu zeigen – auch durch den nur mäßigen Erfolg ließ er sich nicht unterkriegen. In den Jahren um die Pariser Kommune 1871 betätigte er sich politisch und wurde dafür zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Courbet ging in der Folge ins Exil in die Schweiz, wo er am Genfer See lebte: Nun dominieren das dortige Schloss Chillon, die Berge und die Landschaft im jahreszeitlichen Wechsel in seiner Malerei, auch diese mit Hingabe und Präzision sehr modern gemalt, wenn auch ohne die Schärfe, die er mit früheren Bildern erreicht hat. Im Museum Folkwang aber ist der heutige Weltstar der Malerei seiner Zeit am richtigen Ort. Die großartige Essener Sammlung zur Moderne besitzt auch Werke von Courbet, die jetzt in die Werkschau integriert sind. Aber Gemälde wie „Le Fou de peur“ als Leihgabe aus Oslo oder „L‘Origine du monde“ aus dem Pariser Musée d‘Orsay sieht man eben nur jetzt vereint.
Gustave Courbet – Maler und Rebell | bis 8.11. | Museum Folkwang Essen
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