Uwe Henneken: Semper Mi, Ausstellungsansicht „Gute Nacht. Märchen, Mythen, Geister und Phantasmen“
Foto: Helena Grebe / Stadt Mülheim an der Ruhr, 2026

Wesen aus der Zwischenwelt

30. September 2026

„Gute Nacht“im Kunstmuseum Mülheim – Ruhrkunst 10/26

Die Übergangszone im ersten Stock des Kunstmuseums – mit Rampe inmitten und Grafikschränken rechts wie links – ist eine Art Un-Raum und wie prädestiniert für Bilder aus Zwischenwelten. Geister und Geschöpfe aus alten Geschichten und (Alp-)Träumen bevölkern hier zurzeit die Wandzonen. Neben Papierarbeiten aus Museumsbesitz laden zwei Gastkünstler zu einer kleinen Alltagsflucht ins Reich des Grotesken ein. Daniele Cudinis Kobolde wagen sich dabei in den Raum vor. Seine aquarellierten Gnome scheinen an schwarzen Fäden, die sich über die Wand ziehen und von der Decke baumeln, aus Lüftungsschächten gekrochen zu sein. Amorphe Farbgebilde vervollständigt der Italiener mit wenigen Strichen zu Fabelwesen, mal amüsant, mal reichlich garstig. Matthias Lahme wünscht weiß auf schwarz „Gute Nacht“. Das kleine Bild mit dem Ausstellungsmotto am Eingang ist mit Blick auf Lahmes weitere Werke mitnichten nett und harmlos. Seine Wandstücke bestehen aus zarten ornamentalen Geflechten mit einigen schwarzen Verdickungen. Aus der Ferne betrachtet verschmelzen die zu gespenstischen Fratzen.

Wen Kunst allein nicht inspiriert, der kann eine App herunterladen, alle Werke scannen und dabei Geisterbildchen im Display suchen. Dieser Gimmick raubt allerdings dem Thema die poetische Kraft, auf die der ausliegende Begleittext einstimmt. Zu den einzelnen Werken erfährt man hier jedoch wenig Konkretes. Man muss selbst von Bild zu Bild auf Entdeckung gehen, ins Fantastische eintauchen und subtiles Gruseln lernen. Da wären zum Beispiel Jim Dines Lithografien zu Wildes „Dorian Gray“: ein verstörender Blick in dessen Innereien, ein chaotisches Strichknäuel dort, wo Kopf und Gliedmaßen aus dem Anzug ragen. Oder David Hockneys Grafikmappe zu Grimms Märchen: Hockney schickt mit je einem konzentrierten Bild pro Mär die Fantasie auf Reisen. In Ursulas schauerlichen „Baal“ möchte man sich vielleicht nicht allzu tief versenken, genauso wenig in Uwe Hennekens Gemälde „Semper Mi“: Eine Gestalt in freier Landschaft schultert einen gigantischen Sack mit fragwürdigem Inhalt – und schaut uns frontal ins Gesicht. Die einzige Skulptur, Daniele Cudinis roh und klobig modellierter gesichtsloser „Graf Bernetti“ im Fellmantel, ist ein ähnlich unheimlicher Gesell, der uns angeregt und gelöst zurück in den Alltag entlässt.

„Gute Nacht“ – Märchen, Mythen, Geister, Phantasmen | bis 8.11. | Kunstmuseum Mülheim | 0208 455 41 71

Claudia Heinrich

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