„Industrial: Seidenstraßen 3000“ deutet es schon an: Hier geht es nicht um Seide, Straßen und Orient. Die Ausstellung im Dortmunder U widmet sich den aktuellen Warenströmen von Asien nach Europa. „Drei Punkte sind uns dabei wichtig: Menschen, Produkte, Orte“, sagt Kurator Thibault de Ruyter, der gemeinsam mit Kunsthallendirektorin Inke Arns 23 internationale Künstler:innen einlud – aufklärerische, kritische Positionen, die mit künstlerischen Mitteln z. B. problematische Arbeitsbedingungen beleuchten. Ihre Filme, Fotoserien und Installationen sind großzügig arrangiert auf zwei Ausstellungsebenen.
Ein Blick auf die Weltkarte auf Ebene U3 offenbart die Entstehungsorte der 20 Werke: auf einer Ost-West-Achse zwischen Japan und Madrid, vorrangig aber China, das seit 2013 sein Logistik-Megaprojekt „Neue Seidenstraßen“ ausbaut. Ingo Günthers Feld aus Weltkugeln visualisiert allerdings andere globale Entwicklungen, jeder Leuchtglobus ein eigenes Thema. Rund 1000 hat Günther seit 1988 gestaltet. Für die Ausstellung wählte er 14 zu Welthandelsaspekten wie Japans Öffnung für westliche Märkte im 19. Jahrhundert, Transportwege der Hanse oder Migrationsbewegungen.
Für bequemes Betrachten längerer Videowerke sorgt das weltweit beliebteste Möbelstück: Auf Monobloc-Stühlen kann man u. a. in „Losers and Winners“ von Loeken & Franke verfolgen, wie einstige Kokereimitarbeiter Chinesen beim Abbau ihrer alten Dortmunder Arbeitsstätte helfen, die 2006 in China wiedererrichtet und x-mal kopiert wurde. Oder, nun auf Ebene U6, Stanislaw Muchas Impressionen aus der südchinesischen Kunstfälscherstadt Dafen. Besonders verstörend ist Wang Bings Echtzeit-Doku einer langen Arbeitsschicht in einer chinesischen Textilfabrik: „15 Stunden“. Das fräst sich ins Gedächtnis. Schonendere Kost bieten Raumarbeiten nebenan. Etwa knallbunter Chinatrash aus Billigläden als ornamentale Totemskulptur der malaysischen Künstlerin Anne Samat. Oder ein Stand von Disnovation.Org mit Spezialhandys für den chinesischen Markt, u. a. das winzige Knasthandy, ein Feuerzeug-Phone oder das Buddha Phone, das via Klick zum virtuellen Altar wird. Die Einblicke in völlig fremde Lebens-, Arbeits- und Gedankenwelten sind berührend, erhellend und abwechslungsreich – ein gelungener Start des HMKV als neue Kunsthalle Dortmund.
Industrial: Seidenstraßen 3000 | bis 10.1.2027 | Kunsthalle Dortmund im U | Eintritt frei! | www.kunsthalledortmund.de
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