Es spricht Leon Weintraub (2. v.l., neben Antje Bernhard, seiner Begleiterin in den Schulen) in Gesellschaft von (rechts von Weintraub) Nicole Noetzel (Moderation), Julia Becker (Funke), Michael Souvignier (Zeitsprung) und Manfred Kluge (Initiative 18)
Foto: Tom Thelen

Am Kipppunkt der Freiheit

14. November 2025

Diskussion über Pressefreiheit mit der Initiative 18 in der Lichtburg Essen – Spezial 11/25

Gut 800 Menschen kamen in Deutschlands größtem Kinosaal zu einem emotionalen Abend zusammen, der sich der komplexen Frage widmete, welche Rolle die Freiheit des Wortes in Zukunft für die Freiheit der Gesellschaft spielt. Beeindruckend war zunächst ein Blick in die Vergangenheit. Ausschnitte aus dem Film „Führer und Verführer“, präsentiert vom Produzenten Michael Souvignier, zeigten NS-Propagandaminister Joseph Goebbels bei seiner Arbeit, der Hetze, der Lüge, der Produktion von, ja, Fake News; der Film zeigt sowohl Originalaufnahmen als auch Robert Stadlober als Goebbels. „Was wahr ist, bestimme ich!“, brüllt er sein Propaganda-Team an. Im Film kommen auch Zeitzeugen zu Wort, darunter Leon Weintraub. Der 99-jährige Ausschwitz-Überlebende kam aus seiner Wahlheimat Schweden ins Essener Kino und zeigte sich entsetzt über das Erstarken rechter Bewegungen in ganz Europa und speziell der AfD in Deutschland. Gleichwohl hält er fest an den Idealen der Aufklärung und erklärte, weiterhin Optimist zu sein.

Abstand zur Politik

Zwischen großer Sorge und kämpferischem Optimismus auch die Beiträge von Funke-Verlegerin Julia Becker. Die Enkelin von WAZ-Gründer Jakob Funke bilanzierte durchaus hauseigene Fehler, die zur allseits bedauerten „Wertschätzungs- und Vertrauenskrise“ der klassischen Medien beigetragen hätten, glaube aber doch an „eine Renaissance“. Auch sie wurde emotional: „Ich möchte wirklich, dass die Menschen aufhören, diesen Scheiß zu glauben“, sagt sie zu vor allem in Sozialen Medien geäußerten Vorwürfen einer Nähe zur Staatsmacht: „Wir sind nicht die PR-Abteilung der Regierung.“

Pressefreiheit als UN-Ziel

Sie und ihr Konzern unterstützen daher massiv die Initiative 18. Der Name steht für den Versuch, der Pressefreiheit als 18. Nachhaltigkeitsziel der UN Anerkennung zu verschaffen. Die UN hatte 2015 siebzehn bis zum Jahr 2030 zu erreichende Ziele projektiert, darunter etwa Zugang zu Bildung, Gesundheit und Wasser.

Die Macht der Tech-Giganten

Detailliert richtet sich die Initiative vor allem gegen die exzessiv anwachsende Macht der Tech-Giganten der Sozialen Medien, wie Meta mit Facebook und Instagram, Tiktok oder X. Deren zweifelhaftes Verhältnis zur Wahrheit illustrierte der Mitgründer der Initiative, Manfred Kluge, mit dem Beispiel Marc Zuckerbergs, der Anfang des Jahres Fakten-Checks auf seinen Plattformen abschaffte – mit der irrwitzigen Begründung, diese verstießen gegen die Meinungsfreiheit.

Wertesystem für Medien

Verheerend sei ferner die Marktmacht dieser Plattformen auf dem Werbemarkt. „Wie mit einem Schauffelradbagger“ (Julia Becker) grüben sie Werbeeinnahmen weg, die den privat finanzierten Medienhäusern nun fehlten, seriösen Qualitätsjournalismus zu betreiben. Eine Tatsache, die für alle Verlage gilt, schon jetzt sei ein Sterben kleinerer Verlage an der Tagesordnung. Ein Antrieb der Initiative 18 sei deshalb, ein „wertebasiertes Medien-Ökosystem“ zu schaffen.

Ein Abend, der sehr deutlich zeigen sollte, dass ein „Kipppunkt“ erreicht sei. So viel ist zumindest erkannt. In welche Richtung es nun gehen wird, das wusste aber keiner der Beteiligten mit Sicherheit zu sagen.  

Tom Thelen

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