Die Direktorin des HMKV kuratiert Niklas Goldbachs erste große Übersichtsausstellung in Deutschland. Die Arbeiten des Foto- und Videokünstlers setzen sich mit Utopien und Dystopien anhand von Architektur auseinander.
trailer: Frau Arns, die Ausstellung heißt „The Paradise Machine“ und befasst sich mit Architektur – und das in Zeiten von Baustoffmangel und Fantasiepreisen?
Inke Arns: Super Frage. Das könnte man direkt auch Niklas Goldbach fragen. Es geht ja in seinen Arbeiten um die Utopien und ihr Gegenteil – die Dystopien. Und es geht um den nie endenden Wunsch oder auch das Versprechen, sich das Paradies auf Erden zu bauen. Gleichzeitig wimmelt es in dieser Ausstellung aber auch von Bauruinen. Auch die vom Künstler entwickelte Ausstellungsarchitektur wirkt wie eine halb fertige Bauruine. Sie ist inspiriert von diesen Reihen-Bungalows aus den Center-Parcs. Die Ausstellungsarchitektur greift die Themen, die die Ausstellung verhandelt, auf spannende Weise auf: Es geht in Goldbachs Arbeiten um riesige Bauprojekte, die vielleicht wegen der Finanzkrise 2008, vielleicht aber auch wegen akuten Baustoffmangels eingestellt worden sind, und die verfallen, bevor sie überhaupt fertiggestellt worden sind.

Die Paradiesmaschine passt auch zu den aktuellen Bauruinen in China, wo monströse unfertige Eigentumswohnungsblöcke zu Geld- und Traumvernichtungsmaschinen geworden sind.
Ja, genau.
Kann man sagen, dass für Niklas Goldbach reale Orte zu Kunst werden?
Niklas Goldbach interessiert sich für Orte, an denen bestimmte Dinge sehr sinnfällig zusammenkommen. Diese werden für ihn zum Anlass, um über diese Situationen und die Linien, die sich da treffen, nachzudenken. Insofern ja. Das sind immer sehr spezielle Orte, die er findet, in denen Entwicklungen sichtbar werden oder auch Wünsche, Vorstellungen – und ihr grandioses und gleichzeitig auch tragisches Scheitern.
Ist die Dystopie in Goldbachs Videos schlimmer als die Wirklichkeit oder nur eine Alternative?
Sie ist schöner als die Wirklichkeit. Sie wird sehr ästhetisch dargestellt. Und ich sage es mal so: Dank der Arbeiten von Niklas Goldbach muss man nicht an diese Orte realer Dystopien fahren. Zum Beispiel an den Saltonsee – das ist dieser ehemals größte künstliche Binnensee Kaliforniens, der durch einen Dammbruch Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Er wurde in den 1950er und 1960er Jahren zum Urlaubsparadies für die Schönen und Reichen und trocknet jetzt wieder aus. Das muss bestialisch stinken. Das ist eine komplett vergiftete Gegend. Die Videoinstallation „A Date With Destiny“ (2019) arbeitet glücklicherweise nicht mit Geruch – das bleibt uns also erspart!
Gibt es bei den Arbeiten zu den Center Parcs von Jaap Bakema wirklich eine Assoziation zu Deportationslagern des Zweiten Weltkriegs?
Diese spekulative Verbindung leitet Niklas Goldbach biografisch her. In der Videoinstallation „Into the Paradise Machine“ (2022-23) – die übrigens auch als Lecture Performance live aufgeführt wird – sehen wir Aufnahmen der von dem niederländischen Architekten Jaap Bakema entworfenen Center Parcs Bungalows, die Niklas Goldbach mit Auszügen aus Bakemas Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg kombiniert. Der Künstler macht diese Verbindung, die in der Person des Architekten angelegt ist, augenfällig. Bakema beschreibt in seinem Tagebuch, das er während seiner Zeit im Deportationslager in Nordfrankreich schrieb, wie ihm die Natur geholfen hat, seine Lagerhaft zu überstehen, wie er quasi durch Naturbetrachtung nicht verrückt geworden ist. Um Naturbetrachtung geht es ja auch in den Center Parcs. Die Center Parcs sollen ja Urlauber:innen eine Auszeit vom Alltag ermöglichen. Und da spielt die Natur eine sehr große Rolle. Die Center Parcs Bungalows wurden ja auch bewusst in Landschaften hinein geplant. Bakema beschreibt in seinem Tagebuch auch, wie er im Lager Möbel baut und architektonische Zeichnungen macht – unter anderem für die Erweiterung der Werkstatt von einem der Lageraufseher nach dem Krieg. Da fragt man sich unwillkürlich, wie viel wohl von dem, was er dann später in den Center Parcs realisiert hat, vielleicht auf seine Zeit im Lager – oder gar auf die Lagerarchitektur selbst – zurückgeht.
Wodurch entsteht in den Videos das Spannungsfeld zwischen Fiktion und der eigentlichen Realität?
Im Soundtrack von „Into the Paradise Machine“ hört man zum Beispiel Musik von Schneider TM: Herzschlagartige Sounds stellen eine Spannung her, über die sich dann quasi eine Fiktionalisierung ergibt. Goldbach hat ja in verschiedenen Center Parcs gefilmt und dann die Aufnahmen so montiert, dass in dem Video ein ganzer Tag vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang zu sehen ist. Außerdem hat er darauf geachtet, dass keine Menschen zu sehen sind. Auch das ist natürlich eine Art Verfremdung der Orte, sie sind sozusagen zu einer Art Megaort verdichtet.
Aber eine KI arbeitet daran auch mit?
Ausgangspunkt für die neue Posterserie „A State of Happiness“ (2024) sind Fotos, die Niklas Goldbach in künstlichen subtropischen Badelandschaften in den Center Parcs gemacht hat. Das sind Swimming Pools mit subtropischen Pflanzen unter einer Glaskuppel. Niklas Goldbach gibt diese Bilder dann an eine KI und bittet diese, die Bilder weiterzurechnen. Es geht um die Einbettung dieser künstlichen Badeparadiese in ein von der KI errechnetes Naturbild. Bilder von real gebauten Fake-Paradiesen werden hier zum Prompt (IT-Begriff für einen Befehl an ein System, Anm. d. Red.) für KI-Bildgeneratoren. Ich finde es faszinierend, dass bei einem oder zweien dieser Bilder die KI das Bild als Ruine weitergerechnet hat. KI erlaubt uns quasi einen Einblick in ein „kollektives Unbewusstes“. Und da ist die Ruine immer schon da.
Niklas Goldbach: The Paradise Machine | 16.3. - 11. 8. | HMKV im Dortmunder U | 0231 496 64 20
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