Für die eigenen Interessen
Foto: Shabana/Adobe Stock

Klassenkampf im Quartier

27. November 2025

Teil 1: Lokale Initiativen – Bochums Stadtteilgewerkschaft Solidarisch in Stahlhausen

Die Siedlung Stahlhausen, früher Heimat der Beschäftigten des Jahrhundertvereins, mittlerweile im Besitz der Vonovia, hat in den letzten Jahren weder bau- noch sozialpolitisch besonders große Zuwendung genossen. Die wenigen Miethäuser in der Umgebung, die sich im Besitz der Stadt befinden, wurden ebenfalls vernachlässigt und sind trotz Wohnraummangels nur darum noch nicht abgerissen worden, weil sich der Mieter Klaus S. seit Jahren gegen eine Räumung wehrt. Zur Unterstützung kam Ende 2023 eine Gruppe zusammen, die sich entschloss, den Missständen im Viertel auf eine neue Weise zu begegnen: Mit einer Stadtteilgewerkschaft, in der Stahlhausener:innen diskutieren, welche Probleme sie teilen und wie man sie lösen kann, um dann gemeinsam Veränderung zu erkämpfen. Wenig später, im Frühling 2024, startete das Projekt Solidarisch in Stahlhausen (SiS).

Probleme erkennen, Lösungen suchen

Den Grundgedanken fasst Jojo, einer derjenigen, der sich bei SiS engagiert, so zusammen: „Wenn einer von uns Probleme hat, geht uns das alle etwas an.“ Jojo erfuhr kurz nach der Gründung von der Stadtteilgewerkschaft und war sofort begeistert. „Es kann doch nicht sein, dass wir uns ständig die Köpfe darüber einschlagen, was der richtige Lösungsansatz ist, ohne vorher geklärt zu haben, um welches Problem es überhaupt geht.“ Um das herauszufinden, Kontakt zu mehr Nachbar:innen aufzunehmen und sie von der Idee zu überzeugen, bietet SiS seit einem Jahr eine regelmäßige solidarische Beratung an. Wer Probleme mit Behörden oder Vermieter:innen hat, bekommt kostenlose und niedrigschwellige Unterstützung. Seit Anfang des Jahres gibt es auch ein regelmäßiges gemeinsames Abendessen. Nach und nach soll die Verantwortung für die Angebote auf immer mehr Schultern verteilt werden, um ein Gemeinschaftsgefühl zu fördern.

Rätsel Jobcenter

Von der Mietpolitik haben die Initiator:innen mittlerweile den Fokus auf das Jobcenter verschoben. „Es ist wirklich absurd, wie viel man da wissen muss, um Geld zu bekommen“, sagt Jojo, „und die Richtlinien sind nicht mal wirklich bekannt. Die kann man nicht einfach im Internet nachgucken“. Das Bochumer Jobcenter verfüge noch nicht einmal über einen Eingangsstempel, der den Klient:innen zumindest die Abgabe ihrer Dokumente bestätigen würde. „Wenn du nicht für jeden Zettel einen Termin machen willst, musst du ihn einfach vorne in den Briefkasten werfen und darauf hoffen, dass er nicht verloren geht.“

Aller Anfang ... 

Jojos Bilanz über den bisherigen Erfolg des Projekts ist gemischt: „Die Angebote kommen gut an, vor allem die Beratung ist beliebt. Zugänglich, kein Anwaltsdeutsch, und du musst dich nicht ständig für deine Lebensrealität kritisieren lassen.“ Aber: „Wir haben im Oktober einen Info-Abend zur Situation im Jobcenter organisiert, da ist niemand gekommen. Natürlich gibt es Schamgefühle, aber vor allem fehlt die Hoffnung, dass tatsächlich etwas besser werden könnte. Wir hören oft Sätze wie: Schöne Idee, aber verändern wird sich eh nichts.“ Von den Startschwierigkeiten lassen sich die Aktiven von SiS aber nicht beirren. „Wir denken gerade neu darüber nach, wie wir auf die Leute zugehen. Vielleicht probieren wir es nochmal mit anderen Angeboten oder einem Infostand.“ Hoffnung macht Jojo, dass das Konzept in anderen Städten wie Bremen und Köln mittlerweile gut ankommt. Das Beratungsangebot in Köln sei mittlerweile immerhin so beliebt, dass die Gewerkschaft am Rhein eine längerfristige Beratung nur noch für diejenigen anbiete, die auch Mitglieder werden.

Anna Kox

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