Das ist ernst und salopp: Der begleitende Ausstellungstitel „Krieg und Konfitüre“ beschreibt ein gesellschaftliches Klima aus Alltag und Anspannung, Normalität und Bedrohung in einprägsamen Darstellungen, und zwar in den Bildern von George Grosz (1893-1959) und Daniel Richter (*1962). Beide veranschaulichen und hinterfragen Tagesgeschehen, gesellschaftliche Machtstrukturen und die Gestimmtheit, die dabei regelrecht in der Luft liegt. Im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm sind die Werke der hoch angesehenen Künstler erstmals überhaupt zusammen zu sehen, eine Idee, mit der Richter sofort einverstanden war. Die Ausstellung ist großartig. Schnell stellt man fest, wie naheliegend die Kombination ist, auch wenn Beide in verschiedenen Zeiten gelebt haben. Grosz war als kritisch zuspitzender Künstler zum Ende des Ersten Weltkriegs und in der Weimarer Zeit tätig; seit 1933 hat er aus dem Exil in den USA das Erstarken der Nazis kommentiert. Berühmt wurde er mit seinen veristischen Zeichnungen und Aquarellen und mit seinen Fotocollagen.
Daniel Richters Werke stehen mitten in unserer Gegenwart. Er nutzt ebenfalls die Möglichkeiten der Collage, vor allem im Sinne von Bildmontagen für seine Gemälde. Grundlage sind bei ihm die alltäglichen Printmedien und das Internet, deren Bildgewalt und Informationsdichte er in seinen Malereien zur atmosphärischen Transzendierung prägnanter Ereignisse konzentriert. Richter reflektiert die heutige Zeit und ihre Fragilität in kritischen, überfordernden Situationen. Stilistisch nutzt er alle Möglichkeiten der Malerei mit ihrer Gleichzeitigkeit von abstrakt und gegenständlich. Die Konkretion der Figur geht bei ihm mit ihrer Anonymisierung als Gruppe oder Meute einher, die sich über ihre Präsenz und ihre Gesten definiert. Alles kann in seinen monumentalen starkfarbigen und in seinen kleinen tonal reduzierten Bildern auftauchen, die man durchaus der Historienmalerei zurechnen kann.
Schon im Kompakten, Dichten seines malerischen Gewebes braut sich ein Gefühl des Unguten zusammen und bezieht sich auf reale Ereignisse, etwa faschistische Verbrechen, den Umgang mit der Flüchtlingskrise oder Übergriffe des ICE in den USA. Die bewusst offenen Stellen und ihre Ahnungen aber werden in der Ausstellung durch die Bilder von Grosz plausibel erhellt. Dieser dokumentiert mit seinen Figurendarstellungen, mitunter überzeichnend, die sozialen und politischen Machtgefüge in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung in Hamm entwickelt daraus einen Dialog zwischen den Werken beider Künstler, sozusagen in Einzelausstellungen mit Meisterwerken sowie unaufdringlichen motivischen Gegenüberstellungen, die erstaunliche Parallelen freilegen. Geradezu frappierend ist die Verwandtschaft etwa der Grosz-Zeichnung „Kriegsversehrter“ (1923) mit dem (erstmals ausgestellten) Mappenwerk „12 Zeichnungen“ von Richter, das in der Pandemie entstanden ist. Hier wie an mehreren Stellen in der Ausstellung erfährt man viel über den einen durch den anderen und im Übrigen von unserer Zeit, von inneren und äußeren Konflikten, von Macht und einer Haltung der Obacht in kritischen Zeiten. Weiter so, Hamm!
Krieg und Konfitüre. George Grosz x Daniel Richter | bis 21.2. | Gustav-Lübcke-Museum Hamm | 02381 17 57 14
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