trailer: Herr Scheytt, wie fällt Ihr Resümee bezüglich RUHR.2010 aus?
Es war nicht nur wichtig, dass die 5,3 Millionen Menschen in 53 Städten darauf aufmerksam gemacht werden, dass wir hier ein einmaliges Kulturangebot haben. Auch die Besucher aus anderen Ländern, das zeigen uns Umfragen, waren sehr zufrieden mit dem Hauptstadtjahr.
Und was macht das Ruhrgebiet ab dem 1. Januar?
Das Kulturhauptstadtjahr ist dann offiziell beendet. Aber es sind neue Projekte entstanden, neue Netzwerke haben sich gebildet. Unser Motto „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ müssen wir in die Zukunft weiterdenken. Der Wandel ist nicht zu Ende, er geht weiter.
Ein Beispiel zum Beispiel?
Die Museumslandschaft hat sich in diesem Jahr profiliert. Denken Sie an das neue Ruhrmuseum, an das neue Museum Folkwang, an das Museumsquartier in Hagen, an das Dortmunder U. Allein diese Sehenswürdigkeiten sind mehr als eine Reise wert. Wir werden in den kommenden Jahren den Begriff „Ruhrkunstmuseen“ aufbauen zu einer touristischen Marke. Sie können diese Entwicklung aber auch auf andere Genres übertragen. Die Metropole verfügt nun über die Internetplattform 2010LAB. Dort kann man sich im Bereich der Kreativwirtschaft informieren, wie weit die Verknüpfungen innerhalb der europäischen Metropolen gediehen sind.
Sind nach 2010 nicht eher Kürzungen in den Kulturetats zu erwarten?
Jedem Politiker, der über Sparmaßnahmen im Kulturbereich nachdenkt, muss klar sein, dass der Kulturetat nur einen sehr kleinen Anteil innerhalb der städtischen Haushalte hat. In den meisten Städten des Ruhrgebiets macht dieser Posten unter fünf Prozent der Gesamtausgaben aus. Selbst mit drastischen Einschnitten im Kulturetat ist also keine Sanierung des Haushalts möglich. Natürlich wissen die Verantwortlichen im Kulturbereich, dass auch dort gespart werden muss.
Hat RUHR.2010 in den Köpfen der Politiker etwas bewegt?
Das Bewusstsein der politischen Entscheidungsträger hat sich im Laufe des Jahres verändert. Beim Stillleben waren drei Millionen Menschen auf der A40. Bei den SchachtZeichen sind Hunderttausende von Menschen auf die Halden gegangen und haben die mit Ballons markierte Geschichte nachvollzogen. Beim „Day of Song“ haben Tausende von Menschen in über sechshundert Konzerten, also nicht nur in der Schalke-Arena, gesungen. Ich bin mir sicher, dass diese Bilder bei zukünftigen Sparüberlegungen der Politiker Wirkung zeigen: Kultur bewegt Mehrheiten.
Es muss aber gespart werden.
Natürlich, aber dann sollte man dies in Koordination mit der gesamten Metropole Ruhr tun. Es macht keinen Sinn, wenn jede Kommune in allen Bereichen pauschal einen bestimmten Prozentsatz der Ausgaben streicht. Wir haben fünf Opernhäuser, sechs Schauspielhäuser und zwanzig Kunstmuseen. Hier gibt es Sparmöglichkeiten, die der Besucher gar nicht sieht. Der Aufsichtsdienst bei den Museen zum Beispiel wird zurzeit gesondert durchgeführt. Vielleicht gibt es Einsparungsmöglichkeiten, wenn dies gemeinsam organisiert wird.
Wirkte die Kulturhauptstadt ansonsten auch politisch?
Die politische Wirkung von Kultur wird meist unterschätzt. Denken Sie nur an das Thema Integration, das uns im Moment nicht nur durch die Fernsehauftritte von Thilo Sarrazin sehr beschäftigt. Wie kann das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion funktionieren? Es muss uns gelingen, das Verbindende und das Verbindliche des Zusammenlebens zu betonen. Das Verbindende sind die Werte. Es gibt viele gemeinsame Werte von Menschen christlichen und muslimischen Glaubens. Zugleich gibt es verbindliche Regeln wie die Menschenrechte und das Grundgesetz. Es ist wichtig, dass die deutsche Sprache spätestens bei der Einschulung beherrscht wird. Dies gilt übrigens auch für Menschen mit deutschem Pass und deutscher Herkunft. Wir brauchen eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung, nicht eine Leitkultur. Erst durch die kulturelle Vielfalt der Metropole entstehen kreative Milieus.
Die Zusammenarbeit zwischen Freier Szene und kommunalen Anbietern ist im Kulturhauptstadtjahr geglückt?
Wir haben das Ruhrgebiet ja nicht als Bühne für internationale Stars genutzt. Das Arbeitsprinzip der Kulturhauptstadt bestand darin zu zeigen, was wir hier zu leisten imstande sind. Das beinhaltete, dass wir mit den unterschiedlichen Szenen in einem engen Dialog waren.
Essen und das Ruhrgebiet – sind die Kirchturmspitzen etwas kleiner geworden?
Neues zu denken ist immer leichter als Altes wegzudenken. Meine Sorge des Kulturhauptstadtjahres ist, dass der Alltag wieder einkehrt. Es kommt jetzt darauf an, dass die 52 Flitterwochen zu einer Dauerliebschaft zur Kulturmetropole Ruhr werden. Wir wissen nun, dass man in einer Multipartnerschaft über Genregrenzen und Stadtgrenzen hinaus Wunderbares erleben kann.
Was machen Sie im neuen Jahr?
In 2011 bin ich noch Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH. Wir werden das vergangene Jahr dokumentieren und noch einige Projekte wie die Ruhrkunstmuseen auf den Weg bringen. Ab 2012 will ich mich als Personalberater selbstständig machen.

Interviewserie „Über Tage“
„Über Tage“ handeln, ohne „unter Tage“ zu vergessen. trailer-ruhr spricht mit streitbaren Menschen über das Ruhrgebiet.
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