Unter dem Titel „Weltfreie Bilder – Digitale Fäden zwischen Mona Lisa & Zitronen“ waren Jacob Birken und Christian Welzbacher ins Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) eingeladen. Dabei sollten Fragen geklärt werden, wie beispielsweise Kunsterfahrung und Selfiekultur zusammenpassen – für alle, die mal einen Blick auf die Mona Lisa im Louvre erhaschen wollten eine berechtigte Frage. Oder wie realistisch Bilder überhaupt sind.
KWI-Mitarbeiterin Anja Schürmann moderierte den Abend und leitete ihn mit einem Zitat des Philosophen Roland Barthes (1915-80) ein: „Wozu brauche ich die Grundform der Zitrone?“, und gab damit an Birken ab, der an der Abteilung für Nordamerikanische Geschichte des Historischen Instituts der Universität zu Köln forscht und lehrt. Birken untersuchte anhand der Zitrone in Gemälden die Darstellung von Realität, denn in niederländischen Stillleben von 1500 an ist die Zitrone auf über 40 Prozent der Darstellungen vertreten. Man kann daran die Veränderung von realistischen Darstellungen nachvollziehen, bis hin zur heutigen Kunst, auch in KI-Bildern – Die Zitrone hat weiterhin nicht ausgedient.
Medienimmanente Wirklichkeit
„Realität wird etwas, was Bildern immanent ist“, so Birken. Es gebe eine medienimmanente Wirklichkeit. Damit widerspricht es unserer Intuition, die Schürmann auf den Punkt brachte: „Wir wollen Fotografie glauben, als wären es unsere Augen.“ Bei KI komme noch etwas weiteres hinzu, ein kapitalistisches Momentum. Birken: „Vorstellen muss um bestellen ergänzt werden, ich als Kunde ordere etwas, es kommt aus dem Katalog.“ Aus jenem der KI. Dies sei ein beängstigender Moment, denn die Individualisierung, die da drinstecke, sei normatisierend. „Wir produzieren, was die Menschen sehen wollen.“
Was geht ab im Louvre?
Sehen wollen die Menschen in jedem Fall die große Kunst. Vor der Mona Lisa im Louvre bilden sich tagaus tagein lange Schlangen. Jedoch ist die Frage, inwieweit es hier ums Sehen geht: Man erlebt Menschen, die mehr damit beschäftigt zu sein scheinen, eigene Fotos und häufig Selfies von sich mit der Florentiner Dame zu machen als die Kunst auf sich wirken zu lassen. Welzbacher, der Kunsthistoriker und Journalist ist, war wegen eines Projekts ein paar Monate in Paris und hatte die Möglichkeit, ohne Schlange jeden Tag auch für nur kurze Zeit in das berühmte Museum zu gehen und zu beobachten. „Was geht heute ab im Louvre? Leute, die auf Bänken schlafen, im Delirium durch die Gegend eiern. Die ein irrsinniges Eintrittsgeld zahlen, um dann alles mitnehmen zu müssen.“ Und dies dann teilen wollen, am besten live, um zu sagen: Guck, ich bin hier. „Bilder vom Bild als Statusanzeiger des Urhebers.“
Wahrhaftigkeit teilen statt ernsthafter Auseinandersetzung
Auch hier geht es letztlich um eine Form von Realität, mehr noch: „Wenn wir das Beweisfoto mit anderen Menschen teilen, können sie die Wahrhaftigkeit teilen. Bildinhalte werden durch Framing in neue Kontexte gesetzt.“ Wirklich kulturkritisch wollte Welzbacher erst nicht werden, um letztlich doch zu konstatieren, dass dies keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Bild sei. „Sehr viel Energie geht drauf bei diesem Spektakel, die anderen Leonardos werden gar nicht wahrgenommen.“ Schließlich gebe es weitere Bilder im Louvre, die eventuell sogar besser seien als jenes, welches einfach das Berühmteste ist. Was seiner Meinung nach auch an dem berühmten Diebstahl der Mona Lisa im Jahr 1911 und dem ikonischen Foto davon – eine Lücke zwischen zwei Bildern – lag. Dort begann bereits eine Medialisierung des Raubs, welches das Bild noch berühmter gemacht habe. Was dann doch sehr tagesaktuell daherkommt. Mal schauen wie viele Selfies mit dem gerade geklauten Schmuck aus dem Louvre in Zukunft gemacht werden – vorausgesetzt, wie die Mona Lisa findet auch dieser wieder den Weg zurück.
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