Vielleicht versteht man Melike Karas – sehr gute – Ausstellung in der Neuen Galerie Gladbeck noch besser, wenn man im vergangenen Jahr ihre Präsentation im Kölnischen Kunstverein gesehen hat. Dort hat sie das fotografische Archiv ihrer aus Kurdistan stammenden Familie sowie weiterer Quellen installativ als Ausdrucke und in einer 3-Kanal-Videoinstallation gezeigt. Begleitet von Folkloremusik und eigenen, auf Kurdisch vorgetragenen Gedichten waren die Aufnahmen unscharf, mehr abwesend als anwesend, wurden aber doch dem Flüchtigen der Erinnerung entrissen und materialisiert.

Im Rückgriff auf die Fotografien verweist Melike Kara, die 1985 in Bensberg geboren wurde und in Köln lebt, auf die Geschichte und das Schicksal der Kurden, auf ihre Vertreibungen und Unterdrückungen als Migrationsgeschichte einer Minderheit. Seit ein paar Jahren sind die oralen Überlieferungen und die Fotografien ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit, die sich Fragen der Identität, des Verlustes und der Aneignung von Kultur auf diskrete Weise widmet und bei den Malereien mit Ölstiften und Acrylfarbe eine intensiv kraftvolle Präsenz erzielt. Bei diesen ragen an den Seiten blockhafte Formgebilde in einer expressiv verdichteten Farbe über die ganze Höhe auf. Sie erinnern abstrakt an Figurationen und verbinden sich im hellen Zentrum zu filigranen Gespinsten, welche nun die Nahsicht von Mustern anklingen lassen.
Im Kölnischen Kunstverein waren auch die Gemälde mit der Vergänglichkeit und den Spuren der Zeit konfrontiert. Melike Kara hatte dort ein Triptychon im Außenbereich des Obergeschosses Wind und Wetter ausgesetzt. In der Ausstellungshalle der Neuen Galerie Gladbeck nun vermitteln die Betonwände wie von selbst Brüchigkeit und Beharrlichkeit, was umso mehr gelingt, da die Gemälde sparsam gehängt sind: an jeder Wand nur eines, also vier, alle aus diesem Jahr und zum ersten Mal überhaupt ausgestellt. Dazu bewegen sich die Ausstellungsbesucher auf in Rosafarben eingefärbten Stoffstreifen, die sich überlappen, Falten aufwerfen, bis in die Ecken reichen, dabei aber auch kleinere Teile des Bodens aussparen, sodass Laufen und Stehen bewusst wahrgenommen werden. Die Stoffe deuten ihrerseits die bedeutende Tradition der Weberei in der kurdischen Kultur an.
Melike Kara, Ausstellungsansicht Lesesaal, Neue Galerie Gladbeck, © Künstlerin, Foto: Jana BuchEine zweite Bodeninstallation befindet sich im Lesesaal. Sie besteht – nun unberührbar – aus der weißen und leicht gefärbten Verbindung von Zuckerwasser und Mehl, die mit der Gießkanne in präzisen Bahnen aufgetragen, durch Verwischungen mit dem Finger und Pusten vertrieben ist und umso mehr ephemer wirkt. Zu sehen ist die lineare Abfolge von Ornamenten. Die Materialien selbst spielen auf das Zuckergebäck als Teil des alevitisch-kurdischen Totenritus an. Und wenn man das Glück hat, dass die Sonne durch die farbige Fensterfront scheint und das Muster zum Funkeln und Flimmern bringt, dann wird deutlich, wie intensiv Melike Kara am Fortbestand von Erinnerung in der Gegenwart, am Gespür für Besonderheit und Respekt arbeitet und wie sehr sich Trauer mit Schönheit berühren kann. War der Lesesaal der Neuen Galerie jemals so dicht und konzentriert aufgeladen?
Melike Kara. landing softly | bis 8.1.23 | Neue Galerie Gladbeck | 02043 319 83 71
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