Im Kleinsten steckt manchmal das Größte; und das, was technoid und künstlich aussieht, besteht weitgehend aus Natur: Mika Rottenberg recycelt, verwandelt und stellt überraschende Zusammenhänge her. Sie zeigt das latente Grauen, das hinter dem Schönsten steckt, setzt die Dinge humorvoll grotesk in Bewegung und lässt uns daran mit unseren Handlungen teilhaben. Mika Rottenberg, geboren 1976 in Buenos Aires und lange schon in New York ansässig, gehört zu den aufregendsten Künstler:innen ihrer Generation, wenn es um Grundlagenforschungen zum Zustand der Natur und zur Rolle der Menschen mit ihren Technologien und Produktionsprozessen geht. Ihr Schaffen, das statische und kinetische Skulpturen, partizipatorische Werke, Installationen und Filme umfasst, wird international gefeiert.
Da es eben auch begehrt ist, ist die Ausstellung im Duisburger Lehmbruck Museum die erste Gelegenheit überhaupt, ihr Werk umfassend in Deutschland zu sehen. Gezeigt werden Beiträge der letzten zwei Jahrzehnte, darunter Schlüsselwerke, etwa die filmischen Installationen, die auf der Biennale Venedig 2015 und auf dem Skulpturen Projekt Münster 2017 zu sehen waren. Die Wechselausstellungshalle präsentiert die neuen „Lampshares“, die als Lampenschirme buntfarbig „funktionieren“, tatsächlich aber aus toxischem Plastikabfall bestehen und mit dem knorrig wuchernden Geäst eines Spindelbaumgewächses elegant und immer wieder überraschend verbunden sind. „Alle meine Werke sind selbstreflexiv, sie sind Systeme, die die Systeme hinterfragen. Sie sind Systeme, die ihr eigenes System zerstören“, sagt Mika Rottenberg zu ihren Werken, denen ausgiebige Forschungen vorausgehen. Und Söke Dinkla, die Direktorin des Lehmbruck Museums, ergänzt, dass sie fast wie eine Alchimistin vorgehe und dabei noch „Übungen im spielerischen Denken“ bereithalte.
Mika Rottenberg, Finger, 2019, © Künstlerin, courtesy Hauser & Wirth, Foto: Zak KelleyIn dem Film „NoNoseKnows“ wird gezeigt, wie zur Züchtung von Perlen Fremdkörper in Austern eingeführt werden, die sie mit Perlmutt umhüllen, bevor sie getötet werden. Die Perlen selbst mitsamt ihrer Weiterverarbeitung zu Spielzeugtieren und Schmuck sind in dem Raum auf dem Weg zum Film wie in einer Werkstatt ausgestellt. Der Film enthält außerdem Leitmotive von Rottenberg: Das Wachsen der Nase der leitenden Frau, die dann durch Niesen Mahlzeiten produziert und in ihrem Büro stapelt, sowie das Betreiben der Produktionsabläufe mit Handkurbeln. In ihren Skulpturen wiederum fragmentiert Mika Rottenberg den Körper bis zum Obszönen, sei es, dass wir sie durch Gucklöcher sehen oder sie vor uns innerhalb von Materialmontagen rotieren und als Zöpfe wedeln. Damit schließen sie da an, wo – kürzlich erst an diesem Ort in Duisburg zu sehen – Jean Tinguely aufgehört hat, wobei Mika Rotttenberg ein halbes Jahrhundert später frecher ist: Die Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Das demonstriert auch ein hyperrealistisch gestalteter ausgestreckter Zeigefinger, der aus einem Loch in der Wand auf uns zeigt und sich dabei langsam dreht. Der lange, wohlgeformte Fingernagel ist nicht einfach dunkelblau lackiert, sondern er zeigt den Kosmos mit dem Sternensystem: Auch im Kleinsten trägt der Mensch für die Welt Verantwortung.
Mika Rottenberg – Queer Ecology | bis 22.2. | Lehmbruck Museum Duisburg | 0203 283 32 94
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