Nicole Grothe
Foto (Ausschnitt): Museum Ostwall

„Die Guerrilla Girls sind mit der Zeit gegangen“

19. Dezember 2025

Kuratorin Nicole Grothe über die Ausstellung der Guerilla Girls im Dortmunder Museum Ostwall – Sammlung 01/26

Die anonyme US-amerikanische Künstlerinnengruppe veröffentlicht seit 40 Jahren Plakate, die sich mit Sexismus und Rassismus in der Kunstwelt befassen. Jetzt erhalten die Guerilla Girls den MO-Kunstpreis des Museums Ostwall. Ein Gespräch mit Kuratorin und Sammlungsleiterin Nicole Grothe.

trailer: Frau Grothe, auf einem Plakat der Guerillas Girls war zu lesen: „Die Mehrheit der in Museen abgebildeten Schwänze gehört dem Jesuskind“. Ist das in Dortmund anders?

Nicole Grothe: Zumindest in unserer Sammlung ist das tatsächlich anders, weil wir Kunst von 1900 bis zur Gegenwart haben, und da sind Jesusbilder eher selten. Aber auch unsere Sammlung ist natürlich stark von männlichen Künstlern geprägt. Insofern betrifft uns die Kritik der Guerrilla Girls am Kunstbetrieb auch.

Die Girls haben sich vor fast 40 Jahren gegründet. Ist das nicht etwas spät für den Kunstpreis?

Den MO-Kunstpreis gibt es seit 2014, und er wird verliehen an Künstlerinnen und Künstler, die in den Traditionenvon Fluxus und Happening arbeiten. Viel früher hätten wir es also nicht machen können – ich finde es aber gut, dass wir mit dem Preis den 40. Geburtstag der Guerrilla Girls getroffen haben. Wir hatten das bei der Entscheidung gar nicht auf dem Schirm und haben das erst erfahren, als wir sie angerufen haben, um ihnen mitzuteilen, dass sie die Preisträgerinnen sind. Da haben sie gesagt, sie würden wahnsinnig gerne nach Dortmund kommen, aber sie hätten da ein kleines Terminproblem: Sie würden zu der Zeit eine Ausstellung zu ihrem 40. Jubiläum im Getty Museum in Los Angeles eröffnen. Ob wir den Termin vielleicht um eine Woche verschieben könnten …? Darauf haben wir uns natürlich gern eingelassen, denn wenn die Girls direkt vom Getty Museum ins Dortmunder U kommen, dann ist das schon eine große Ehre für uns.

Was zeigt die Ausstellung? Und vor allem: Wer hat die Werke ausgewählt?

Ausgewählt haben meine Kollegin Clara Niermann, die ein wissenschaftliches Volontariat bei uns macht, und ich. Wir haben im Kontext des MO_Kunstpreises insgesamt 31 Plakate der Guerrilla Girls und ein Video angekauft. Daraus haben wir eine Auswahl von 13 Arbeiten getroffen. Toll ist, dass wir die Plakate in allen Größenreproduzieren dürfen, und wir haben uns entschieden, drei der Plakate auf eine große Bildergröße, sozusagen „Billboard“-Format, hochzuziehen. Wir zeigen dazu 1:1 Repros weiterer Plakate und ein signiertes „Original“. Der Schwerpunkt der Arbeiten, die wir ausgestellt haben, liegt auf Institutionskritik, die ja sozusagen das Kerngeschäft der Guerrilla Girls ist.

Wie haben die Girls da signiert? Mit ihren echten Namen?

(lacht) Nein, sie signieren natürlich mit „Guerrilla Girls“ auf der Rückseite. Nach Dortmund kommen zwei der Gründungsmitglieder „Frida Kahlo“ und „Käthe Kollwitz“, um den Preis entgegen zu nehmen.

Kommen die Guerrilla Girls bei der Ausstellungseröffnung zu Wort?

Sie dürfen natürlich reden, aber wir wissen noch nicht, ob sie das auch möchten. Sie sind zurzeit eben sehr beschäftigt mit der Arbeit an der Ausstellung im Getty Museum. Aber sie kommen bereits in der nächsten Woche an, und dann werden wir die Details besprechen. Ich kann mir schon vorstellen, dass sie ein paar Worte sagenwerden.

Ein Blick in das Schaufenster, © Guerrilla Girls 2025

Weicht die aktuelle Debatte um Gender die ursprünglichen Ziele der Guerillas nicht auf?

Weil es mittlerweile um Queerfeminismus geht? Also die Guerrilla Girls sind mit der Zeit gegangen. Sie bezeichnen sich auch als intersektionale Feministinnen, die verschiedene Unterdrückungsmechanismen mitreflektieren. Sie haben ja Arbeiten zur Diskriminierung von Frauen, aber auch von People of Color gemacht. Ihnen sind Verschränkungen von verschiedenen Diskriminierungsformen also durchaus bewusst. Sie würden sich einem queerfeministischen Ansatz sicher nicht verschließen; ich denke nicht, dass sie identitätspolitisch unterwegs sind.

Was würde die Forderung nach Gleichberechtigung im Kunstbetrieb bedeuten? Zwanghafte Parität in den Ausstellungen?

Nein, eher nicht. Wir sind am Museum Ostwall ja schon ein bisschen länger an dem Thema dran. Für uns bedeutet das zum Beispiel, dass wir, wenn wir Neuankäufe tätigen, unseren Fokus zunächst auf Künstlerinnen oder internationale Positionen richten und nicht immer nur die Namen zu berücksichtigen, die einem als Erste einfallen. Letztlich entscheidet man natürlich über das Werk, aber ich glaube, man kann sich disziplinieren, nicht immer nur das auszustellen und anzukaufen, was einem als Erstes einfällt. Man muss sich halt darum bemühen, fleißiger in die Recherche zu gehen, damit unterrepräsentierte Positionen sichtbar gemacht werden können. Das ist eine Hausaufgabe an die Museen, die man ernst nehmen sollte.

Wie wichtig ist die Anwesenheit der maskierten Künstlerinnen für die Eröffnung?

Die ist so wichtig, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte des MO-Kunstpreises so viele Anmeldungen haben, dass wir die Eröffnung in den Brauturm verlegen mussten, weil das Kino im Uzu klein geworden war.

MO_Schaufenster #41: Guerrilla Girls. It‘s not democracy without feminism | bis So 1.2. | Ostwall Museum, Dortmunder U | 0231 502 47 23

Interview: Peter Ortmann

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